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Songs For The Lost And Brave

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All Music Guide (englisch)

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Songs For The Lost And Brave
Songs For The Lost And Brave, Ferryhouse Prod./Warner Music, 2008
Carl Carlton Electric & Acoustic Guitars, Slide Guitar, Percussion & Lead Vocals, Bass & Foot Stomps (Dreamer)
Moses Mo Guitars & Background Vocals
Wyzard Bass & Background Vocals
Zack Alford Drums, Percussion & Background Vocals
Pascal Kravetz Hammond B3, Grand Piano, Clavinet, Accordion, Acoustic Guitar, Percussion & Background Vocals
Gäste:
Levon Helm Drums (Shadow Of The Wind)
Klaus Voormann Bass (Shadow Of The Wind)
Larry Campbell Mandolin (Shadow Of The Wind)
Max Buskohl & Eric Burdon Lead Vocals (For What It's Worth)
Jill Stevenson Lead Vocals & Acoustic Guitar (Dreamer & Mother Hardship)
Justin Guip Drums, Foot Stomps & Piano (Dreamer)
Tracey Bonham Fiddle & Violin (Spoke On The Wheel)
David Cast Tingsha Chimes, Soprano Sax, Baritone Sax, Wood Flutes (Star-Crossed & With You)
David Bernstein Trumpet (Keep On Swingin')
Stefan Pintev & The G-Strings Strings & String Arrangements (Mother Hardship & The Difference)
Jens Carstens Drums & Percussion (Mother Hardship)
Arnd Geise Bass (Mother Hardship)
Produziert von: Justin Guip & Carl Carlton Länge: 71 Min 21 Sek Medium: CD
1. Spoke On The Wheel9. Shelter
2. Keep On Swingin'10. Bring It On Home
3. King Of Nothing11. Star-Crossed
4. For What It's Worth12. With You
5. Foot On The Rock13. Heartworm Freeload
6. Mother Hardship14. Shadow Of The Wind
7. High In A Sweet Release15. The Difference
8. Dreamer

Wenn Carl Carlton alle paar Jahre mit einer neuen CD ums Eck kommt, weiß man was man bekommt: Rock & Roll, Rhythm & Blues, Musik für eine gute Zeit. Das Problem ist nur, dass Carlton eben nur alle paar Jahre für prima Laune sorgt und dazwischen an irgendwelchen - sicher lukrativen - Projekten all around the world arbeitet und die SONGDOGS für Ewigkeiten auf Eis legt. Diesmal hat die Pause ganze vier Jahre gedauert, dabei hat die Band mit ihren immer mal wieder wechselnden Mitgliedern und Gästen Potential für mindestens den doppelten Output. Andererseits ist es vielleicht ganz gut so, denn auf den bisherigen Alben finden sich kaum bis überhaupt keine Lückenfüller, die nur Zeit schinden und ansonsten langweilen. Schwer genug bei dieser Art von Musik, denn im Roots Rock ist eigentlich längst alles gesagt und gespielt. Denkt man, aber "Songs For The Lost And Brave" bohrt einmal mehr in der offenen Wunde am Kreativmuskel so vieler anderer Classicrocker herum. Kaum eine andere Band schafft mit so wenig Aufwand und Spektakel so homogene Alben, die die gesamte Bandbreite zwischen gutem Rock und gutem Rock abdecken. Boogie, Blues und Sumpf sind die Eckpfeiler, dazwischen ist jede Menge Gefühl und Groove zu finden.

Neben den Langzeit-Dogs Moses Mo, Wyzard (beide im Hauptberuf bei MOTHER'S FINEST) und Pascal Kravetz gibt es diesmal mit Zack Alford einen neuen Schlagzeuger, der schon mit dem Boss und dessen Gattin, sowie mit u. a. David Bowie und Billy Joel Platten aufgenommen hat. Alford spielt anders als Bertram Engel auf den beiden ersten Platten, auch anders als Wayne P. Sheehy zuletzt auf "CaHoots & Roots", unkonventioneller und gleichzeitig erdiger, manchmal glaubt man seine Vergangenheit bei den B52's zu erkennen, manchmal ist man an Charlie Watts oder Ringo Starr erinnert, allerdings mit mehr körperlichem Aufwand und einem größeren Drumkit. Dem Mann sollte man einen gesonderten Durchlauf unter dem Kopfhörer widmen.
Die Gästeliste ist wieder üppig und hat neben Levon Helm von THE BAND, in dessen Studio in Woodstock die CD aufgenommen wurde, unter anderem auch Eric Burdon, Klaus Voormann, Tracey Bonham und Carltons Sohn Max Buskohl zu bieten. Wie es so ist bei Qualitätsmusikern, die relativ vielen Mitspieler stören die Geschlossenheit des Ergebnisses überhaupt nicht, im besten Fall fügen sie einfach nur wunderbare Töne hinzu. Stefan Pintev und die G-STRINGS, die den NDR-Sinfonikern entsprungen sind, geben beim herrlichen Abschlusslied The Difference das beste Beispiel dafür. Vier Minuten mit beatleeskem Anfang und einer beinahe schnulzigen Klavier- und Streicherlinie, aber eben so was von schön. Überhaupt sind die verhaltenen unter den 15 Songs nicht uninteressanter als die Rocker, aber wem geht nicht das Herz auf bei einem Opener wie Spoke On The Wheel, das so elendiglich frisch daherrumpelt wie die STONES seit 30 Jahren nicht mehr. Carlton und Moses Mo legen sich dabei in die typische Richards-Wood-Kurve und die Band dampft und stampft. Ein grandioses Trompetensolo als Highlight in Keep On Swingin' folgt, bevor das Tempo erstmalig auf Country und Folk gedrosselt wird.

Im Verlauf sorgt immer wieder Pascal Kravetz für Tasten-Schmankerl während sich die Gitarren erfreulich dezent - aber stets präsent - im Hintergrund halten und Carlton auch mit zarten 53 Jahren nicht zum singenden Ego-Shooter wird. Den Gesang bei Stephen Stills' For What It's Worth teilen sich Buskohl und Burdon, die Nummer hat Soul, Groove und Schmackes, kann allerdings nicht verbergen, dass der eine noch nicht und der andere nicht mehr so richtig kann oder will. Ein klein wenig mehr Empathie anstatt Coolness würde man sich von Burdon zur guten Idee der Nummer wünschen, schließlich wird neben anderen auch Martin Luther King mit seinem epochalen Zitat "I have a dream" eingeblendet. Auch mit 67 darf man noch träumen - und schreien.
Die Harmonica im Honky Tonk High In A Sweet Release wird im schönen Booklet nicht namentlich erwähnt, geht aber perfekt ins lässige Saitengezerre über und endet in einem Shuffle der sich gewaschen hat. Dann wieder eine Vollbremsung, gesanglich und optisch verfeinert von der bezaubernden Jill Stevenson. Es sind ohne Frage gute Songs vonnöten, wenn man eine solche Achterbahnfahrt zwischen straight und smooth über gut 70 Minuten ohne Einbruch an den Kunden bringen möchte. Carlton kann es wie derzeit kein anderer namhafter deutscher Musiker. Ein paar weniger bekannte mit ähnlichem Können gibt es wohl, aber die verraten wir nur auf dezidierte Nachfrage (intensives Lesen im Home of Rock hilft auch).
Röhrende Orgel und satte Gitarren gibt's im von Moses Mo geschriebenen Bring It On Home. Das Schlagzeug donnert dazu fast wie weiland John Bonham. Uah, wie geil.
Star-Crossed hätten die STONES möglicherweise gerne auf "Sticky Fingers" gehabt, Carl hat es aber dreieinhalb Jahrzehnte zu spät geschrieben. Außerdem hat Carlton Kravetz am Gefühlspiano, Jagger hatte seinerzeit "nur" Nicky Hopkins, Billy Preston und Ian Stewart zur Verfügung. Scherz beiseite, Star-Crossed funktioniert sogar mit der kitschigen Spieluhr zu Beginn als Herzensbrecher.
Das Finale beginnt mit dem brachialen With You von Wyzard und einem gewissen V. Simon und gibt dem Jazzer David Cast die Bühne für ein sattes Gebläse. "Songs For The Lost And Brave" ist kein hingerotztes Stückchen Rock'n'Roll, hier wurde mit Verstand komponiert und arrangiert. So hatte man zuerst einen Song von Stephen Stills, und nun wird mit Heartworm Freeload dem Kollegen Young die Ehre erwiesen. Dem ist zuletzt ja auch bedenklich die Luft ausgegangen, vielleicht lässt er sich hiervon noch mal zu neuen Heldentaten inspirieren. Gleich hinterher gibt's mit Shadow Of The Wind eine Idee für Rod Stewart, falls der in seinem Leben noch eine unpeinliche Akustiknummer aufnehmen möchte. Hier sind übrigens Levon Helm und Klaus Voormann zu hören.

1971 oder '74 wäre "Songs For The Lost And Brave" ein Millionengeschäft geworden, in den Jahren danach bis zur Erfindung der Retrowelle hat solche Musik nur die Hardcorefans interessiert, heute stehen Carl Carlton und seinen Kumpanen wieder alle Türen offen, obwohl sie alte Rockmusik machen. Die aber so neu angestrichen, intensiv und leidenschaftlich, dass es alle umhaut. Sie müssen es nur hören, die Menschen da draußen. Am besten live, Herr Carlton.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.11.2008

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