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Mitten ins Herz
Mitten ins Herz, Asphalt Records, 2006
Philipp Burger Gesang & 2. Gitarre
Jonas Notdurfter Lead-Gitarre
Jochen "Zegga" Gargitter Bass
Christian "Föhre" Fohrer Schlagzeug
Länge: 52 Min 33 Sek (CD) & ca. 24 Min (DVD) Medium: CD & DVD
CD:
1. Zerschlag dein Eis des Herzens8. Feuer, Erde, Wasser, Licht
2. Weiter immer weiter9. Der aufrechte Weg
3. Harte Zeit10. Frei.Wild's Ländereien
4. Das Land der Vollidioten11. Arschloch
5. Ich lache über dich12. Schwarz & weiß
6. Wie oft soll'n wir dir's noch sagen?Bonus Track:
7. Zufriedenheit13. Brixen
DVD:
Schwarz & Weiss (Video)Süd-Tirol (Video)
Der aufrechte Weg (Video)Interview

Ein schwerer Fall. Da kommt eine junge Band mit tadelloser Musik daher, präsentiert eine tadellose CD in schicker Verpackung und gleich mit Bonus-DVD und... begibt sich völlig ohne Not in eine Verteidigungshaltung, die beinahe an einen leicht neurotischen Verfolgungswahn denken lässt. Der gelassene ältere Herr von nebenan möchte sagen: "Jungs, entspannt euch, keiner tut euch was."
Okay, FREI.WILD kommen aus Südtirol, dieser zu knapp 70% deutschsprachigen, 1919 an Italien übergegangenen Berg- und Tallandschaft jenseits des Brenner (von Norden gesehen natürlich). Wo in früheren Zeiten oftmals finsterste Armut herrschte, hat sich inzwischen längst die reichste Region Italiens (und gemessen am Pro-Kopf Einkommen die Nr. 8 in Europa) entwickelt. Dennoch agitieren bis heute rechte Separatisten (man darf sie auch Ewiggestrige oder Faschisten nennen) mehr oder weniger offen und propagieren einen absurden "Südtiroler Freiheitskampf" - als ob das bedauernswerte Post-Berlusconi-Italien nicht genügend andere Probleme hätte. Erinnert sich noch jemand an die lächerliche, nichtsdestotrotz hochkriminelle "Käseschachtel-Affäre" vor gut 10 Jahren, bei der die bayrische CSU und der braune Verschwörerverein "Stille Hilfe Südtirol" peinsame Schlagzeilen machten?
Aus diesem urwüchsigen Apfel-Schnaps-Wein-Tourismus Landstrich, genauer gesagt aus der malerischen Kleinstadt Brixen, stammt also die Band FREI.WILD. Sowas kann passieren. Genau wie die Tatsache, dass eine solche Kapelle deutsch singt und gerne Songs der BÖHSEN ONKELZ nachspielt. Kann heute noch irgendwer etwas wirksames gegen die ONKELZ haben? Natürlich nicht. Eine liebenswerte Boygroup, etwa so gefährlich wie TAKE THAT und genauso aufgelöst, mit liebenswerten Fans, die nicht aufhören zu beteuern, dass weder sie noch die Band jemals irgend etwas mit reaktionärem Gedankengut zu tun hatten. Wird gerne geglaubt, denn wer spricht den liebenswerten Fleischmützen überhaupt irgendein Gedankengut in ihren hohlen Schädeln zu. Doch für FREI.WILD beginnt an dieser Stelle der Ärger. Zwar nicht mit dem bekennend sozialistischen Schreiberling, aber mit sich selbst. Und das geht so:

FREI.WILD distanzieren sich. Von alten, neuen und überhaupt sämtlichen Nazis, von Heimattümelei und Volxsmusik, von Berlusconi und von Fini, von Marx und Engels (worüber man nochmal nachdenken sollte), von Intoleranz und Umweltsauereien, von Ehrlosigkeit und Identitätsverlust (bloß die eigenen Namen haben sie im Booklet vergessen), von Habgier und von allen Arschlöchern dieser Welt. Nur von dem unsäglichen 1860-Aufkleber auf dem Bass wird sich nicht losgesagt - das wichtigste Statement fehlt. Und damit laden sie sich einen vieeel zu schweren Rucksack auf die gebeugten Schultern. Dauernd will der oben besagte Herr rufen: "Männer! Packt nicht so viele Bücher in euren Schulranzen, das geht aufs Kreuz!"
"Mitten ins Herz" ist eine astrein produzierte, zu weiten Teilen klasse durchkomponierte und bemerkenswert gut gespielte CD geworden. Es bräuchte gar nicht so viel Ungemach in den Texten, nicht so viele Zweifel und längst nicht so viele Anzeigen gegen Unbekannt. Auch wenn das Leben ach so schwer ist.

Musikalisch sind natürlich Ähnlichkeiten zur Band aus Frankfurt erkennbar, allerdings auch ganz schön viele zu der Düsseldorfer Kapelle von der anderen Seite des Glaubens. Das passt schon, vor allem da den FREI.WILDerern niemals das Stromruder in Richtung unkontrollierter Krach entgleitet. Das Lyrik-Paddel schlägt allerdings ein paar mal seltsame Wellchen. Was ist denn bitteschön "ein Kind der Ehre"? Da denkt man jahrelang, dass auch in Südtirol die Babys herkömmlich hergestellt werden und dann das. Vom "aufrechten Weg" gar nicht gesprochen, das wäre ja Freeclimbing.
Der jüngste der Band singt, bekommt auch direkt den Campino-Gedächtnispreis, der bandeigene Kfz-Mechaniker schraubt eine fidele Leadgitarre und die Rhythmusfraktion koordiniert die Chose very professionell. Gut gehärteter Rock & Roll also, und wenn's textlich etwas lockerer zugeht, kann man auch mal relaxt grinsen.
Auf der DVD gibt es drei Videos und ein Interview. Da steckt eine Menge Herzblut und Humor drin, auch wenn das Ergebnis natürlich nicht ins Fernsehen kommen wird. Im Interview wird dann wieder distanziert. Etwas unbeholfen zwar (wie war das mit der deutschen Gesinnung der Südtiroler nach dem 1. Weltmassaker?), aber immerhin und vor allem sympathisch.

Wenn FREI.WILD mal zufällig durch München kommen, sollten sie den älteren Herrn von nebenan besuchen und einen Schnellkurs in Spaßtrinken nehmen. Immer nur Frustsaufen macht doch nur neurotisch. Ansonsten: Gut gemacht!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 01.09.2006

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