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Screaming Blue Murder & Play Dirty

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Screaming Blue Murder
Play Dirty
Screaming Blue Murder & Play Dirty, Castle Music/Sanctuary Records, 2004 (1982 & '83)
Kim McAuliffe Rhythm Guitar & Vocals
Kelly Johnson Lead Guitar & Vocals
Gil Weston Bass & Vocals
Denise Dufort Drums
Produziert von: Nigel Gray ("Screaming..."); Jim Lea & Noddy Holder ("Play Dirty") Länge: 68 Min 33 Sek & 54 Min 00 Sek Medium: CD
"Screaming Blue Murder":
1. Screaming Blue Murder11. Don't Stop
2. Live With Me12. Screaming Blue Murder (live)
3. Take It From Me13. You Got Me (live)
4. Wildlife14. When Your Blood Runs Cold (live)
5. It Turns Your Head Around15. Hit And Run (live)
6. Don't Call It Love16. Turns Your Head Around (live)
7. Hellrazor17. Wildlife (live)
8. When Your Blood Runs Cold18. Take It All Away (live)
9. You Got Me19. Emergency (live)
10. Flesh & Blood20. C'mon Let's Go (live)
Bonus Tracks:21. Tush (live)
"Play Dirty":
1. Going Under9. Running For Cover
2. High N Dry10. Breakout (Knob In The Media)
3. Play DirtyBonus Tracks:
4. 20th Century Boy11. 1 2 3 4 Rock N Roll
5. Breaking All The Rules12. Don't Call It Love (new version)
6. Burning In The Heat13. Tush (new version)
7. Surrender14. Like It Like That
8. Rock Me Shock Me15. 1 2 3 4 Rock N Roll (12" extended version)

Was muss das für ein Schock für die Mädels gewesen sein, als sie Ende 1981 vom offenbar fachkundigsten Konzertveranstalter aller Zeiten mit den Proggies RUSH auf Tour geschickt wurden. Für mich war der Schock gleich so groß, dass ich den Circus Krone nach nicht mal einer ganzen Rush-Hour wegen maximaler Langweiligkeit verlassen musste. GIRLSCHOOL allerdings hatten davor tierisch gefetzt. Atemberaubend virtuos war das selbstverständlich nicht, aber ich war ja wegen der Party dort und nicht wegen einem knapp halbstündigen Schlagzeugsolo und einem "Konzert", von dem man nicht wusste ob es nun schon läuft oder noch Soundcheck ist.
Mitte 1982 hatten sie den Progressivschreck längst überwunden, das Album "Screaming Blue Murder" zeigte keinerlei Dudel-Anwandlungen (obwohl, Flesh & Blood... :-)). 10 Songs, immer auf die Zwölf, so wie man die Band seit gut 2 Jahren kannte - im Prinzip wurde ein Medienhype veranstaltet der ihnen nicht gut tat. Die Bassistin Enid Williams war denn auch vor dieser dritten LP ausgestiegen und wurde von Gil Weston ersetzt. Heute ist Enid bekanntlich längst wieder mit dabei.
Einen neuen Produzenten gönnte man sich in Nigel Gray auch, der richtete aber keinen größeren Schaden an, GIRLSCHOOL klangen nicht nach THE POLICE, die er zuvor produziert hatte.

Was die Band noch nicht wusste ist, dass sie ihren kommerziellen Höhepunkt bereits überschritten hatten. Please Don't Touch von der gemeinsam mit MOTÖRHEAD eingehämmerten EP "St. Valentines Day Massacre" war ein Hit geworden und den konnten sie nie mehr wiederholen. Ansonsten war "Screaming Blue Murder" gewohnter Stoff: Lauter, rauer Heavy Rock & Roll ohne Rücksicht auf Verluste und mit einer gehörigen Punk Attitüde. Der Titeltrack oder Hellrazor zum Beispiel sind mehr oder weniger Reminiszenzen an Herrn Kilmister, und ob die STONES ihr Live With Me so angedacht hatten bleibt fraglich.
Allerdings schafften es die Damen immer wieder, richtige catchy Songs zu schreiben. Im Tempo leicht gemäßigte Riff-Stampfer wie Wildlife oder Don't Call It Love sind bis heute Ohrwürmer. Bezeichnend, dass genau diese beiden Songs plus dem hier erstmals auf CD vertretenen Bonus Track Don't Stop als EP-Single veröffentlicht wurde. Hätte ich ganz genau so gemacht...
Mein Lieblingssong auf der LP war immer Turn Your Head Around. Ein klassischer Boogie, so wie ihn Lemmy auch ab und an rauslässt, und richtig geil geschrieen.

Die Bekanntheit von GIRLSCHOOL überstieg in Deutschland immer bei weitem ihre tatsächlichen Plattenverkäufe und insofern sind die Wiederveröffentlichungen von Castle Music ohne Frage sinnvoll. Vor allem, weil sich auf allen CDs ein Haufen Bonus Tracks befindet. Hier sind es neben dem erwähnten Don't Stop satte 10 Songs eines BBC Konzerts vom 9.6.82. Bei der BBC waren GIRLSCHOOL gern und häufig gesehene Gäste und man wünscht sich, dass unsere öffentlich und rechtlichen Schnarchnasensender deutschen Rockbands bei VÖ einer neuen Platte die Chance auf bundesweites Live-Airplay bieten würden.
Der Sound ist okay und man hört sehr genau, dass die Band on stage im Prinzip genau so klang wie im Studio. Sie waren nicht schlechter und nicht besser, einfach nur simpel und grade heraus. Wirklich lustig ist die atemberaubend schräge Performance von ZZ TOPs Tush - nix Wüstenstaub, hier regiert leicht verbeultes British Steel.

Irgend jemand muss sich im darauf folgenden Jahr mit der Band zusammengesetzt und über die künftige musikalische Ausrichtung diskutiert haben. Leider war es kein guter Berater, denn das vierte Album "Play Dirty" war für die Fans der ersten Stunde ein Schlag ins Gesicht. Wahrscheinlich scheint, dass Labelchef und Abzocker Gerry Bron dahinter steckte, immerhin veröffentlichte er gegen den Willen der Band die Single 1 2 3 4 Rock N Roll (B-Seite: Don't Call It Love vom Vorgängeralbum, aber in neuer Version, und Tush, ebenfalls neu eingespielt).
Wenn die Linernotes nicht lügen, steht die Band noch heute hinter "Play Dirty", dennoch war es ein kommerzieller Flop und läutete das vorläufige Ende einer "großen" Karriere ein.

Produziert wurde die Platte von den beiden SLADE-Clowns Jim Lea und Noddy Holder und so ähnlich wie deren Spätwerke "The Amazing Kamikaze Syndrome" (1984) und "Rogues Gallery" (1985) mutete das Ergebnis an: Hymnische Songs, viel Hall auf dem Schlagzeug, geschliffene Vocals, Chöre überall, zurückgedrehte Gitarren und KEYBOARDS!
Lea und Holder steuerten auch zwei Songs bei, vermutlich nicht verwendete Reste aus eigenen Sessions, und manövrierten die Band in ein echtes Dilemma. Pop-Rock und GIRLSCHOOL passt so gut zusammen wie Rainer Callmund und die Weight Watchers. Der Versuch mit Marc Bolans 20th Century Boy gelang hingegen ganz passabel. Klang aber trotzdem nach Lita Ford...

New Wave of British Heavy Metal waren die Ladies nie wirklich, aber "Play Dirty" zeigte eine Band in der so typischen Mit-Achtziger Midlife Crisis. Man wollte weg vom ungeschliffenen Krach der Anfangsjahre, lavierte sich aber damit automatisch in ein Niemandsland irgendwo zwischen DEF LEPPARD für Arme und früheren Glam-Bands wie SWEET, T. REX oder eben SLADE. Ich kenne keine Videos oder Fernsehauftritte aus dieser Zeit, fürchte aber, dass man sie sogar in entsprechend alberne Klamotten gesteckt hat. "Play Dirty" fehlte der Geruch von Leder und Schweiß völlig, dafür muffelte es nach Krokodil. Lacoste war seinerzeit recht populär...

21 Jahre später hat sich der Ärger längst gelegt und neben dem Wissen, dass "Play Dirty" eindeutig das schwächste Album der Band war, bleibt die Erkenntnis, dass man für solche Musik heute freudig erregt auf den Knien durch die Plattenläden kriechen würde. Auch wenn es deutlich bei KISS geklaut war, Rock Me Shock Me ist bis heute ein Klassesong, Breakout hätte anders produziert auf die drei ersten Platten gepasst, und der Titelsong hätte eine Chartplatzierung verdient gehabt. Wurde aber nix, die Fans waren beleidigt, die Zeiten hatten sich geändert, GIRLSCHOOL waren nicht mehr authentisch und damit aus dem Rennen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 23.10.2004

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