HoR Logo kl CD-Review:

Rob Orlemans & Half Past Midnight

Libertyville

Logo Home-of-Rock
Libertyville
Libertyville, Silvercoast/Savage Music, 2006
Rob Orlemans Guitars, Vocals
Piet Tromp Bass
Yuri Yeryomin Drums
Gäste:
Jacob Dawson Vocals, Lead & Rhythm Guitar (Jake's Mojo)
Henk-Jan Verstege Drums (Jake's Mojo & Fuzzbox Boogie)
Jeremy Aussems Lead Guitar (Libertyville)
Dennis O'Connor Mouthharp (Down On Parchman Farm)
Rene Schutte Hammond (Jake's Mojo)
Micha Percussion (Heartbreaking Money & Blues Out Of Hell)
Produziert von: Rob Orlemans Länge: 54 Min 20 Sek Medium: CD
1. Fuzzbox Boogie7. Go Down
2. Jake's Mojo8. The Devil Told Me
3. Down On Parchman Farm9. Libertyville
4. When The Haze Is Gone10. Blues Out Of Hell
5. 100.000 Dollars11. Heartbreaking Money
6. Blues For Money12. Susie Q/Night Licks (live)

Als Blues'n'Boozerocker seit mehr als 1.000 Jahren hab ich in letzter Zeit schon fast ein schlechtes Gewissen, weil doch die Mehrzahl der einschlägigen Veröffentlichungen nicht wirklich meinen Anforderungen genügen und einige böse Worte gefallen sind. Böse Worte insofern, dass mir schon immer bewusst war, dass Blues Rock nicht wirklich die dankbarste aller zu beschreibenden Musiken ist und man zwangsläufig immer wieder auf die alles überragenden und prägenden Altmeister zu sprechen kommen muss und annähernd jede Besprechung auf dem Thema "Mangelnde Innovation" herumpingelt. Ja mei, das ist halt so, dass sich die allermeisten Protagonisten in Punkto Einfallsreichtum nicht mehr großartig bewegen. Der Schmierfink könnte ja auch über Free Jazz schreiben und soll nicht jammern über festgefahrene Strukturen im Blues und Rock.
Mit spitzen Fingern also die neue CD von Rob Orlemans eingelegt und intensiv nachgedacht, wie man denn die Trio-Einheitsfummelei in blauen Noten diesmal freundlich aber bestimmt abhandeln kann, schließlich war "Live In Chicago" vor 3 Jahren ein echter Ankommer bei mir und man kann einen erstklassigen Gitarristen nicht wegen persönlicher Allerweltsbluesallergie in die Pfanne hauen.

2 Tage später.
Rob Orlemans hat es mir einfach gemacht. Er hat "Libertyville" ganz simpel entgegen meinen Erwartungen gestaltet, der holländische Hundling. Da ist nicht der hunderttausendste Tribut an Hendrix-Vaughan-Clapton zu hören, da wird nicht in Richtung King (ob B.B. oder ein anderer ist egal), Waters, Hooker oder Johnson geschielt oder gar der Holzhammer herausgeholt und a la Travers, Trower, Derringer das ganz große Klischeefass die Treppe hinuntergerollt. Nein, Herr Orlemans nimmt sich die Freiheit und bedient ganz andere Triebe. Und das geht so:
Man nehme einen simplen Song wie den Fuzzbox Boogie, rockt den stramm herunter und baut "einfach" ein paar Gitarrenlicks ein, die man in dieser erregenden Form in den letzten Jahren bestenfalls von einem Rob Tognoni oder Steve Schuffert so gehört hat. Wir reden hier nicht von Hochseilartistik, nur von den Giftpfeilen, die jeden Rocker direkt in die schwarze Seele treffen und jubeln lassen. Wir verstehen uns?
Oder man hole sich einen zweiten Gitarristen und weicht das Trio-Korsett mit ein paar Gitarrenduellen auf. Jacob Dawson macht das bei Jake's Mojo ausgesprochen geschickt.
Man kann aber auch schlichterdings einen alten Jazzer bemühen und dessen Parchman Farm massiv abwandeln und dennoch nicht nach CACTUS klingen lassen. Oder man schreibt einen brutalstmöglich federnden Boogie wie When The Haze Is Gone und verkauft ihn NICHT an AC/DC. Eine andere holländische Band, die NEW ADVENTURES mit Carl Carlton, hatte vor vielen Jahren ähnliche Granaten zu bieten.
Wenn man dann vom ersten Ansturm etwas erschöpft ist, kann man sich den schönen Dobro-Harp-Blues 100.000 Dollars geben und vier Minuten relaxen. Gleich danach fliegen die Boogie-Funken wieder. Eine schweißtreibende Angelegenheit allemal, jedoch legt Orlemans keinen Gitarren-Dauerlauf hin, er begnügt sich mit kurzen aber effektiven Sprints und vielen trickreichen Übersteigern im Stile eines nicht übergewichtigen Ronaldo. Sogar der plumpeste Bauernboogietrick regt zu Standing Ovations an.

Ein paar grundsätzliche Worte. "Libertyville" hat einen ganz außergewöhnlich fetten und druckvollen Sound. Bass und Schlagzeug sind nicht, wie bei vielen anderen Trios, nur notwendiges Beiwerk für den alles überspielenden Regisseur an der Klampfe. Rob Orlemans ist sich trotz allem Können nicht zu schade, das längst öde gewordene Spiel Intro-Solo-Outro mit einem leichtfüßigen Abstecher in die schnöde Rock & Roll Riff-Kiste zu beleben und mittels altbekannten aber immer noch wirksamen Hausmittelchen wie Shuffle, Boogie und Blues für gute Laune und besten Spaß zu sorgen. Er wird sich dadurch möglicherweise bei ein paar Anhängern der von mir gefürchteten Dauersolisten der Banalität verdächtig machen - ja nun, das ist nicht zu ändern. Solche Leute wissen auch nicht, warum Rory Gallagher der größte Ire aller Zeiten ist.
Fakt ist: "Libertyville" hat keinen einzigen Aussetzer oder Langweiler. Und das ist heutzutage für eine CD dieses Genres geradezu sensationell. Selbst wenn, wie in Blues Out Of Hell, dann doch anfangs die S.R.V.-Fender-Orgie kommt, zwischendrin machen HALF PAST MIDNIGHT das Ding zu einem Texas-Boogie für Bartträger. Mist, mir wächst sowas nicht...

Als Zugabe gibt es noch das in Chicago live aufgenommene Susie Q mitsamt Club-Animation und Bandvorstellung. Die üppige Dreiviertelstunde vorher ist allerdings mit Abstand das beste Studioelaborat eines Trios dieser Provenienz in diesem Jahr. Die meisten größeren Bands putzen ROB ORLEMANS & HALF PAST MIDNIGHT gleich mit weg.
"Libertyville" hat eine beachtliche Evolutionsstufe erklommen und selbst der Chefzyniker wird nach so einer CD den ollen Blues Rock nicht beerdigen wollen. Groß!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 17.06.2006

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:


 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum