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Octane

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Octane
Spock's Beard
Octane, InsideOut Music/SPV, 2005
Nick D'Virgilio Lead & Backing Vocals, Drums, Percussion, Loops, Electric & Acoustic Guitars
Alan Morse6 & 12-String Electric & Acoustic Guitars, Theremin, Saw, Vocals
Ryo OkumotoKeyboards
Dave MerosBass
Gäste:
The Section Quartet: Eric Gorfain, Daphne Chen, Leah Katz, Richard DoddViolin, Viola, Cello
Gina Ballina & Johnnie CornoFrench Horn
Ramon FloresTrumpet
Molly PasuttiVoices
John BoegeholdAmbience, Sounds, Voices
Produziert von: Spock's Beard Länge: 53 Min 10 Sek Medium: CD
1. The Ballet Of The Impact6. Letting Go
- Prelude To The Past7. Of The Beauty Of It All
- The Ultimate Quiet- If I Could Paint A Picture
- A Blizzard Of My Memories- Into The Great Unknowable
2. I Wouldn't Let It Go8. NWC
3. Surfing Down The Avalanche9. There Was A Time
4. She Is Everything10. The Planet's Hum
- Strange What You Remember11. Watching The Tide
- Words Of Forever12. As Long As We Ride
5. Climbing Up That Hill
CD 2 - Special Edition:
1. When She's GoneExtra from "A Flash Before My Eyes":
2. Follow Me To Sleep6. Someday I'll Be Found
3. Game Face7. I Was Never Lost
4. Broken Promise Land8. Paint Me A Picture
5. Listening To The Sky9. Video: The Formulation Of Octane

Die "Bärte" schlagen wieder zu! Die "Bärte" sind wieder zurück!
Alles Schlagzeilen, die dem ehrenwerten Progrockfan im Zusammenhang mit der neuesten Studioveröffentlichung von SPOCK'S BEARD um die Ohren gehauen werden. 1 ½ Jahre nach dem letzten Freischwimmer-Post-Neal Morse Album "Feel Euphoria" versuchen die "neuen" Bärte ihren Stil zu festigen.
Dabei gehen sie aber nicht kompromißlos und konsequent vor, sondern bemühen sich, die Fans der ersten Stunde nicht gänzlich zu verschrecken.
Zu sagen, daß der ehemalige Chef dieses Unternehmens kompositorisch nicht zu ersetzen ist, hieße Eulen nach Athen tragen. Daß die Mannen um Nick D'Virgilio instrumentale Fähigkeiten besitzen bleibt aber unbestritten. Das beweisen sie äußerst demonstrativ und überzeugend auf dem neuen Output "Octane". Auch mit der nötigen technischen Raffinesse. So werden die geschätzten, charakteristischen Flöten, Streicher und Chorgesänge auch wieder bevorzugt plaziert, aber eben auch die epischen Prog-Rock Pfade zugunsten straighter Songstrukturen verlassen.

S.B. haben dafür sehr hart an sich gearbeitet und bersten in ihrem so genannten Selbstfindungsprozess geradezu vor Kreativität und Vielfalt.
Bassist Dave Meros und Co-Autor John Boegehold haben einige Stücke geschrieben und damit eine etwas andere lyrische Note mit eingebracht. D'Virgilio, der bisher überwiegend als Songschreiber fungierte, hat scheinbar an seiner Gesangsstimme gefeilt, um jetzt über größere Strecken ausdrucksvoller und gefestigter zu wirken.
Zweifelsohne wäre das musikalische Ergebnis ohne die versierte Tastenarbeit von Ryo Okumoto, der sich nebenbei als Multiinstrumentalist mit voller Hingabe austoben durfte, nicht so reichhaltig ausgefallen.
Neben dem bewährten Rockmainstream gehen D'Virgilio & Co. aber auch auf Nummer sicher und beleben die Tugenden aus alten Tagen, mit gut gespielten Mellotronpassagen, verpackt in opulente Arrangements. So wird "Octane" von der 7 Songs umfassenden Suite A Flash Before My Eyes angeführt, die sich wie ein großer Spielplatz der Protagonisten darbietet, aber gleichzeitig die vorherrschende Unentschlossenheit und Ungeduld im Resultat aufzeigt.

The Ballet Of Impact vermittelt in seinem Intro gleich eindeutige Reminiszenzen an die frühen GENESIS mit dem bekannten typischen Mellotron-Parfait. Das Ganze verwandelt sich sehr bald in eine Ouvertüre aus Bläsern und Glockenspielen, angetrieben vom groovigen Bass- und Schlagzeugrhythmus. Der zerbrechlich wirkende Harmoniegesang, umgarnt von einer bittersüßen Melodie aus Flöte und Piano, verleiht dem dreigeteilten Song das besondere Credo. Zum Schluß läßt uns ein kurzes, zerfetzendes Gitarrensolo nochmals aufhorchen, bevor die Bridge aus Geräuschcollagen und einer tickenden Uhr zum anschließenden I Wouldn't Let It Go überleitet.
Diese semiakustische Ballade trägt Singer/Songwriter-Charakterzüge und ist moderat an den Westcoast Sound angelehnt. Im Mittelteil gibt es dann eine Steigerung zu klassischen konservativen Momenten mit starkem Streicherpart nebst ausladenden Keyboardpassagen, was in Verbindung mit der hauchenden Frauenstimme einem gewissen Pathos nicht entsagt.

Ein Glockenspiel leitet zum wohl härtesten Stück das die Bärte bisher geschrieben haben über. Surfing Down The Avalanche bewegt sich geradewegs in den Fahrgewässern von brodelnden Lava-Bands wie LED ZEPPELIN oder MOUTAIN.
[Und da dachten wir immer, das wären normale Rockbands gewesen... Red.]
Ob diese Komposition zufällig auf der Ebene mit bestimmten Gassenhauern der Vergangenheit ist, oder als eine Verballhornung der 70er Rockhelden durchgeht, sei jedem selbst überlassen. Fakt ist aber, daß diese retrospektiven musikalischen Elemente - verzerrte Gitarrenläufe, Schweineorgelsalven und schwergewichtige Bassrhythmen - eine hypnotische Wirkung auf jeden "altgedienten" Rockfan ausüben. Das obligatorische Nackengift lockert das sonst sehr harmonische Umfeld etwas auf und zeugt vom Facettenreichtum der Musiker.
Es tut richtig gut, daß sich die gefühlvolle Mainstreamballade She Is Everything danach lückenlos anknüpft. Die ersten Synthie-Klänge des Songs sind FLOYD's Welcome To The Machine nicht sehr unähnlich, verflüchtigen sich aber schnell in ein tragendes, harmonisches Grundthema mit herrlichen Gesangskünsten von D'Virgilio. Die weltschmerzdurchtränkte Atmosphäre wird nur noch von dem grandiosen, elegischen Gitarrensolo von Bruder Morse getoppt und verpaßt diesem Stück die unbedingte Krönung. Für mich eins der eindrucksvollsten Kompositionen des Albums.

Nach so viel Gänsehautfeeling flacht es mit Climbing Up That Hill danach ebenso schnell wieder ab. 3 ½ Minuten lang gibt es einen ziemlich uninspirierten, einfach gestrickten Popsong zu hören, dem eine gewisse Langeweile nicht abzusprechen ist.
Letting Go, eine Art meditative Mellotron-Synthieexkursion, bildet das Vorspiel für Of The Beauty Of It All, dem letzten Kapitel dieser Suite. Dieser Song entpuppt sich im ersten Teil als schmissige Rocknummer mit einschmeichelndem Gesang nebst mustergültigem Flötenspiel. Dann entwickelt er sich aber zum Ende hin zu einem exzessiven Bombastfinale, das wiederum Erinnerungen an TRANSATLANTIC (ex-Prog-Allstar Projekt von Neal Morse) in mir wachruft.
Vielleicht wollten sie ihren Fans der ersten Stunde damit zeigen, daß man sich von diesen einst geliebten Trademarks noch nicht ganz verabschiedet hat.

Die Freunde von disharmonischen Stücken kommen beim nachfolgenden Instrumental NWC voll auf ihre Kosten. Auf dieser Spielwiese können die Beteiligten ihre Fähigkeiten an den Instrumenten hemmungslos ausleben. Besonders Tastenhexer Okumoto setzt hier - wie auch bei anderen ihm gefälligen Kompositionen dieses Albums - Akzente. Ein wesentlicher Anteil des Japaners ist der Einsatz seiner konservativen Korg X 3, MS 2000 Hammond Tasten-Armada, die diesen wundervoll "antiquarischen Sound" produzieren.

Track 9 ist ein kultivierter Mitklatsch-Popsong, der radiokompatible Stücke von Bands wie TOTO zitiert. Massentaugliche Hookline für die simpleren Gemüter, die nichts neues mehr verheißt.
Erst das folgende The Planet's Hum breitet den Hörer wieder die gesamte Pracht der progressiven Rockmusik aus. Ein komplexes Geflecht aus Flöte, Gitarre und Bass eröffnet dieses kleine Meisterwerk, bevor es sich zu einem mit dynamischen Orgelsounds angetriebenen Rocksong aufbäumt. Dissonante Rhythmussprünge verleihen dem ansonsten ziemlich straighten Song einen hyperintellektuellen Anspruch.
Watching The Tide erklingt danach wieder sehr sanft aus den Speakern und wird damit der Rolle als gefühlvolle Rockballade mit einem gewissen Tiefgang mehr als gerecht. Die lustvolle Paarung von Piano und variablem Lead-Gesang vermögen es explizit, die nötige Stimmung bei der dafür empfänglichen Klientel zu entfachen. Hierbei präsentiert sich D'Virgilio stimmlich in absoluter Hochform und fundamentiert damit seine Leistungssteigerung gegenüber dem Vorgängeralbum.

Der Schlußakzent auf diesem Tonträger wird von As Long As We Ride, einem recht rauhen Stück, gesetzt, dessen musikalische Zielrichtung mit dem grungigen Seattlesound von PEARL JAM oder den STONE TEMPLE PILOTS liebäugelt, aber auch einen Hauch vom Geiste der BEATLES in uns wiedererweckt.

Vor allen Dingen sollte man beim Konsumieren das alte Branding aus dem Hirn verdrängen, dann wird man die Scheibe der "neuen" SPOCK'S BEARD in seiner Machart auch lieben.
Neben den famosen Fähigkeiten der Herren D'Virgilio, Meros, Morse und Okumoto sind es die Referenzen, packende Songs zu schreiben, die sich im Kopf festsetzen und da nicht wieder entfliehen. Der Zuhörer bekommt einfach zeitgenössischen Prog in erstklassigem Sound verpackt geboten und die Gewißheit, daß sich das U.S.-Quintett auf der stabilen Leiter nach oben befindet. Wenn sie in Zukunft einige Schwachstellen abstellen, kann man noch einiges erwarten!

SPOCK'S BEARD sind ab 14.03.2005 mit KINO als Support auf Deutschland-Tour.
Rock'n Roll will never die!

Ingolf Schmock, (Artikelliste), 15.02.2005

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