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Soul
Soul, Small Dog Records, 2009 (1997)
Ian Graham Bass, Vocals, Keyboards
John Butcher Guitar, Backing Vocals
Cody Willems Drums
Länge: 45 Min 34 Sek Medium: CD
1. Electricity7. Journey
2. Stab 'Em All8. Fragile
3. Soul9. Mist
4. Distant Light10. Dying Hope
5. Surface11. Nobody's Perfect
6. Spaceman Serenade

Seit HOUSE OF NOT, der genialen Band aus Ontario, Kanada, hat den Home-of-Rock-eigenen 4-Akkorde-Beschreiber, also mich, kein progressives Bandprojekt mehr so faszinieren können wie jetzt EYE RHYME mit der CD "Soul". Das ist immerhin vier Jahre her. Nicht dass es seither keine gute Prog-Mucke gab, im Gegenteil, allerdings müssen für einen gelernten Simpelrocker spezielle Kriterien erfüllt werden, um ihn anzusprechen. Da wären die Schlagworte "Eingängigkeit aka Ohrenfreundlichkeit", "Rock-Anteil" und "Spaßfaktor" zu nennen. Soll heißen: Bis zur Unkenntlichkeit zergniedelte Melodien, von halbtoten Wakeman-Gedächtnisorgeln an- und aufgeblasene Brachialschmalzkompositionen und vor lauter Verkopftheit zum Heulen traurige Bombastepen fallen durchs Raster. EYE RHYME hat nichts von alledem. Dass das Trio genau wie HOUSE OF NOT aus Ontario stammt, mag vielleicht Zufall sein, aber klar ist, dass aus Kanada seit Jahrzehnten gute, im Sinne des Verfassers, (Prog-) Bands kommen.

Das Stichwort "Trio" ist ein gutes, denn dadurch denkt man automatisch an zwei andere Bands aus Kanada: RUSH und TRIUMPH. Erstere sind erklärte und hörbare Helden der Herren Graham (Bass, Vocals), Butcher (Guitar) und Willems (Drums), TRIUMPH bzw. Rik Emmett kommen, wenn überhaupt, nur in manchen der vielen deftigen Gitarrenpassagen vor, dann knallt es aber.
Auf "Life Control", dem ersten Album von EYE RHYME, gaben Ian Crichton von SAGA und Steve Shelski von CONEY HATCH (!) Gastspiele, diesmal gibt es nur eigene Töne zu hören. Das sollte dem anspruchsvollen Rockfan allerdings auch genügen, denn auf "Soul" ist mehr zu entdecken als auf den letzten 10 SAGA-Veröffentlichungen zusammen. Und rocken tut es noch dazu. Hach, da fallen einem doch noch weitere Kanadier wie APRIL WINE ein, die zu ihren besten Zeiten ebenfalls hochintelligenten Hard Rock fabrizierten. Nobody's Perfect, der Schlusspunkt auf "Soul" ist so ein hard drivin', hard hittin' Feger, wie ihn die Veteranen beizeiten auch im Fundus hatten.
Doch es fängt spannender und innovativer an. Mit einem Funkenflug über den Faradayschen Käfig beginnt und endet Electricity und man freut sich über so viel Frische und eine neue Stimme, die mit Geddy Lee oder irgend einem anderen Vorsänger aus der Vergangenheit nichts zu tun hat. Angenehm, sehr sogar. Auch wenn ab und an mit Patterns gearbeitet wird, das metallische Stab 'Em All ist ganz weit vorne dabei, wenn es um die Top 10 der Prog-Metal Songs geht. Da wird weder QUEENSRŸCHE noch DREAM THEATER benötigt. Ähnlich 'brutal' geht auch der Titelsong Soul vonstatten.
Zeit für eine Verschnaufpause. Distant Light ist die erste verhaltene Nummer, hat aber nichts mit Schmalz und Pappigkeit zu tun. Schöne Gesangsarrangements, eine unaufdringliche Akustikgitarre, ein Lied für den Cruise über den geschwindigkeitsbeschränkten Autobahnring um die Großstadt.
Surface geht sofort wieder anders zur Sache. Es geht um Oberflächlichkeiten und Rassismus, und die massive Performance an Schlagzeug und Bass haut genauso aufs Auge wie der Text. Das Highlight der CD ist jedoch Spaceman Serenade. Nach dem wilden Schlagzeug-Gitarre Intro, übrigens ein musikalisches Leckerli, entwickelt sich eine wunderbar komplexe Liedstruktur mit böse brummendem Bass, Breaks und Harmonieelementen, die von einer Detonation beendet werden. Noch ein Song für die Top 10. Gute Stereoanlage und/oder Bose-Kopfhörer vorausgesetzt, bekommt man Spaceman Serenade für mehrere Nächte nicht mehr aus dem Kopf.
Besseres kann danach nicht mehr kommen, die CD ist längst zum Tipp avanciert, aber das funkige Fragile darf man nicht verschweigen, stellt es sich doch mindestens gleichberechtigt neben die besten Songs von KING'S X. Nobody's Perfect ;-)

Das letzte Schmankerl ist ein ganz unmusikalisches. Ian Graham, der Sänger, Bassist und Chef von EYE RHYME hat einen ganz speziellen Bandbus. Der "Veg Van" fährt mit Altöl aus Friteusen und sonstigen Kochtöpfen. Daran können sich der Umwelt-Waschlappen Obama und Kanadas konservativer Premierminister Stephen Harper ein Beispiel nehmen.

Eye Rhyme

PS: "Soul" stammt aus dem Jahr 1997 und wurde für diese Wiederveröffentlichung soundtechnisch aufgehübscht. Es spielt keine Rolle, dass das Material 12 Jahre alt ist, es klingt gut. Außerdem arbeitet die Band an einem dritten Album, das "Billboard Messiah" heißen wird. Und danach wird gemessen, ob die Musik von EYE RHYME ins Jahr 2010 passt. Das alte Material passt ins ausgehende Jahr 2009 hervorragend.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 26.12.2009


 
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