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| Slash - Die Autobiografie - Welcome To The Jungle, Rockbuch Verlag, 2008 |
| ISBN: |
978-3-927638-45-7 |
| Umfang: |
507 Seiten |
| Preis: |
ca. 24,90 Euro |
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80 Seiten über Kindheit und Jugend des Saul Hudson sind üppig, auch wenn man als Rockfan gerne mehr über die Wurzeln eines späteren Superstars erfährt. Allerdings hat sich in Sauls Erinnerung wohl doch einiges ein wenig verklärt, denn der BMX-Superheld mit leicht asozialen Anwandlungen aus den Siebzigern kommt einfach zu putzig kleinkriminell daher, als dass man ihm all die Schocker glauben möchte. Es sei denn, ja, es sei denn, Klein-Saul war wirklich von Anfang an so eine Straßenratte, die er bis heute, na ja, wenigstens bis vorgestern vorgibt zu sein.
Saul Hudson hat seine Geschichte zu Protokoll gegeben, aufgeschrieben hat sie der nicht unbedingt genretreue Erfolgsjournalist Anthony Bozza, der auch schon ein Buch über Eminem verfasst hat und ansonsten gerne mit seinen - ein knappes Jahrzehnt zurückliegenden - Coverstories für den amerikanischen Rolling Stone Werbung für sich macht. Musikjournalismus ist in seiner höchsten Form (= komm an die allergrößten Fische ran) wohl doch Kunst, folgerichtig produziert sich Bozza momentan als Co-Autobiograph des verfetteten Comedian Artie Lange. Aus der Saul-Hudson-Slash-Autobiographie ist dennoch kein Werk geworden, das in die Nähe eines Pulitzer- oder gar Nobelpreises gerückt werden kann - und zwar weder im Original noch in der deutschen Übersetzung.
Als aus Saul H. der später berühmte Slash wurde, hatte der gemeinte Jugendliche diverse Schulabbrüche hinter und jede Menge menschlich Katastrophen vor sich. Bis heute sind seine Statements eher einfach gehalten, aber eines kann man dem Mann natürlich nicht nehmen: Er war in der kurzzeitig größten Band der Welt. Es war auch eine der kaputtesten Bands aller Zeiten, was man auf den restlichen gut 420 Seiten in konzentrierter Form nochmals nachlesen kann, falls man GUNS N' ROSES aus Altersgründen zwischen 1987 und '93 nicht erleben konnte, oder als Fan die Zwischentöne in der Berichterstattung der guten Printmagazine nicht erkannt hat (so mancher Redakteur kann Horrorgeschichten über Interviews mit Axl Rose und den anderen erzählen). Anyway, auf dem Buchtitel steht, "Es klingt übertrieben … was aber nicht heißt, dass es nicht passiert ist." Das allermeiste aus diesem Buch ist sicher genau so passiert wie beschrieben, allerdings ist a.) sicher noch viel mehr passiert, und b.) trüben sich Slashs Erinnerungen an manchen Stellen arg ein, was den politisch interessierten Leser an Helmut Kohls Gedächtnislücken erinnert.
Für den deutschen Leser dürfte besonders das Kapitel über die erste Europatour 1987 interessant sein. Mit FASTER PUSSYCAT im Vorprogramm trat man unter anderem in der Hamburger Markthalle auf. Slash Erkenntnisse beziehen sich auf drei Punkte: FASTER PUSSYCAT waren ausschließlich verachtenswert, Hamburg ist eine triste Industriestadt mit grauen Menschen, die Sexshops auf St. Pauli sind eine Sensation. An dieser Stelle fragt man sich, ob der Mann nicht doch nur ein doofer amerikanischer Spießer ist, der nichts verstanden und das auch noch mit H, Koks, Speed und Crack aus seinem Schädel geschossen hat. Er relativiert seinen Humbug zwanzig Jahre später nicht, offensichtlich glaubt er immer noch seinem Kleinsthirn von damals.
Musikgeschmack hat Slash allerdings, denn die Pussykätzchen waren und sind eher unerträglich. Die im Verlauf des Buches genannten musikalischen Helden und Vorbilder sollten speziell den jungen Leser zu einigen Vermerken auf dem Einkaufszettel veranlassen. Nur FOGHAT hat Slash offenbar ein paar Jahre zu spät gehört, anders ist sein seltsamer Kommentar nicht zu verstehen.
Nach spätestens 300 Seiten dieses Buchs fragt man sich, ob man noch mehr über den absurden Drogenkonsum und die kleinen Fickgeschichten des Helden lesen möchte, schließlich hat man das alles schon bei MÖTLEY CRÜEs "The Dirt" in aller Ausführlichkeit getan, aber immer wenn Slash auf die Befindlichkeiten innerhalb der Band eingeht, wird es doch wieder interessant. Letztendlich wird man aber auch da enttäuscht, denn der Umgang mit Axl Rose ist inkonsequent, die Verabschiedung von Steven Adler logisch, Izzy und Duff werden freundlich aber nicht wirklich tiefgehend behandelt, dafür steht die latente Betonung der eigenen Sucht (und der daraus entstehenden Unzurechnungsfähigkeit) aufgeregt im Vordergrund.
Es ist Slashs Wahrheit, die man liest, es mag sicher auch andere Wahrheiten geben, aber die Beschreibung der wenigen kreativen Phasen der Band ist fesselnd und wohl unangreifbar.
Das Buch kulminiert in der Ich-bezogenen Darstellung des Endes von GUNS N' ROSES und der Gründung von VELVET REVOLVER, lässt aber viele Fragen offen. Zum Beispiel wird nach all der Armut der maßlose Reichtum nach "Appetite…" nicht thematisiert, man erfährt nur in Zwischensätzen, dass plötzlich große Autos, teure Hotels, noch viel teurere Studios und die besten Dealer zur Verfügung standen. Da waren MÖTLEY protziger, schamloser und letztendlich auch ehrlicher als der erklärte Nicht-Materialist Slash.
Auch wenn das Buch keine endgültige Aufklärung bringt, es ist lesenswert, obwohl nur etwas mehr als 20 Jahre seit dem Outcoming der Band vergangen sind. Jeder Mensch um die Vierzig hatte irgendwann sein Gunners-Erlebnis, und der musizierenden Jugend darf dieses Sammelsurium unfassbarer Abstürze gerne als Abschreckung dienen.
Dennoch ist dieses Buch eine Katastrophe, denn nie zuvor hat man mehr Rechtschreib-, Grammatik- und Druckfehler gelesen. Was der Verlag hier anbietet, beleidigt die Intelligenz des Lesers, löst pures Entsetzen aus und verärgert nachhaltig. Es werden zwei Lektoren genannt, aber entweder haben die das Buch nie gelesen, oder die Korrekturen wurden schlichtweg beim Druck ignoriert. Einzelne Absätze lesen sich wie besoffene Übersetzungen von Babel Fish, andere verblüffen mit äußerst eigenwilligen Interpretationen der allgemein gängigen Rechtschreibung, wobei es völlig egal ist, ob man die von vor 1996 oder die seit 2004 bzw. 2006 bemüht. Das gibt ein dickes Minus, denn Rocker sind mitnichten so blöde, dass sie derlei nicht bemerken. Dem Rockbuch Verlag ist so etwas nicht würdig, auch wenn er inzwischen zu einem Konzern namens Edel Entertainment gehört. Die früheren Chefs, Heide Buhmann und Hanspeter Haeseler, hätten diese Schlampigkeit zum bombastischen Preis von 25 Euro nicht geduldet.
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