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Hilfe, wir ertrinken!

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Konsument an Produzent: "Bitte nicht! Ich kann nicht mehr! Aufhören! Ich ertrinke, aaaaaah....".
Es soll Menschen geben, die nicht, wie unsereins, tagein und tagaus Musik hören. Der Durchschnittsdeutsche kauft nicht einmal eine (1) CD pro Jahr und Konzert ist schon, wenn die Dorfkapelle beim örtlichen Weinfest aufspielt. Die Musikbranche schnappt nach Luft und lamentiert über die Zukunft des Tonträgers, bietet gar Handyklingeltöne zum Download an (Freunde, Ihr habt doch einen Totalknall - glaubt Ihr wirklich, der vierzigjährige Rockfan zahlt 2,99 für Sweet Home Alabama im Quitschiesound?) und derweil geht ein wichtiger Indie-Vertrieb wie EFA grade pleite.

Lernfähig sind die "Manager" allerdings überhaupt nicht. Was zeichnet einen Manager im Musik- und jedem anderen Business aus? Man sieht ihn nicht - außer bei der ECHO-Verleihung - und wenn was nicht klappt, reagiert er garantiert panisch und falsch und fährt den Karren erst so richtig in den Dreck. Gott, ja, das kostet dann halt ein paar Arbeitsplätze und der Kulturvielfalt ist auch nicht gedient wenn 500 oder 1.000 CDs aus dem Sortiment verschwinden; ist aber doch egal, das verbrecherische Volk klaut sich die neue Single vom Superstar der Woche sowieso aus dem Internet.
Früher gab es mal die so genannten Talentscouts, und sogar eine Fernsehsendung namens Talentschuppen. Scouts (Pfadfinder) und Schuppen gibt es noch heute. Talent wurde irgendwann wegrationalisiert bzw. mit der gleichnamigen altgriechischen Währung verwechselt (s.a. "Rubel, der" - kann auch rollen). Dementsprechend muss der Begriff "talentfreie Zone" neu definiert werden. Es ist nämlich erstens eine Gegend, wo irgendwelche Tölpel herumdilettieren und zweitens keine müde Mark (wahlweise Euro, Dollar, Rubel etc.) verdient werden kann.

Doch, da, ein Lichtstreif am Horizont! Der A&R-Mann (A&R: Artist & Repertoire - in Zeiten, wo Konzerne ihre Personalabteilung in "Human Resources" umbenennen ein gradezu liebenswerter Begriff) der Plattenfirma "Lauschangriff" hat soeben einen brandneuen Trend entdeckt. Ein gaaanz großes Ding. Noch nie dagewesen. Flugs werden 23 kompetente Mitarbeiter in den "Think Tank" gesperrt (nicht zu verwechseln mit dem Big Brother Haus!) um einen Namen für diese Sensation zu finden. The Blues had a baby and he called it Melodic Rock, Punk, Stoner-Thrash, Daniel K. (weia, wo hat der Herr Blues da seine Gurke reingesteckt?) oder Alt. Country.

5 Wochen später.

Die Spionageabteilungen (outgesourct und als Ich-AG betrieben) von 23 anderen Plattenfirmen haben gute Arbeit geleistet. Der Prototyp der neuen Melodic-Stoner-Punk-Country Welle wurde in einer geheimen Kommandoaktion entführt (13,99 bei Media Markt - die sind ja nicht blöd) und wird in den unterirdischen Speziallaboren analysiert. Dumm, dass die CD mit einem Kopierschutz versehen ist, aber den zugehörigen Cracker finden die IT-Fachleute garantiert im Internet.
Mittels genetischem Fingerabdruck und unter Beigabe von verstrahltem Sojamaismehl werden 23 absolut identische Melodic-Stoner-Punk-Country Klone geschaffen und heimlich in den Plattenregalen der wichtigsten Fachgeschäfte (ALDI, Süd und Nord, RTL-Shop, Drogen Maier etc.) verteilt.
Dann noch schnell die 13 kompetentesten Musikmagazine (Bäckerblume, Spiegel Online, Schöner Wohnen undsoweiter) bemustert und dem grenzenlosen Erfolg steht nichts mehr im Weg.

Weitere 5 Wochen später.

Der Siegeszug der Melodic-Stoner-Punk-Country Welle ist auf dem Höhepunkt. Mittlerweile haben sich auch die kleinen und unabhängigen Plattenfirmen dem völlig abgefahrenen Zug angeschlossen und weitere 128 Melodic-Stoner-Punk-Country Newcomer produziert (Wahlspruch: "Melodic-Stoner-Punk-Country ist megaout, wir machen True-Dark-Schraddel-Melodic-Stoner-Punk-Country").

Der Fachverband der deutschen Tonträgerindustrie "Wider dem tierischen Ernst" senkt die Stückzahl zur Vergabe von goldenen Schallplatten auf 25 (nicht einer Band - einer Stilrichtung!) und die ersten Redakteure bekannter Musikzeitungen werden aus der Klinik entlassen und dürfen wieder mit kleinen Dosen Musik beschallt werden.
Allerorten finden Talentwettbewerbe, äh, Castings statt und mehr als sieben Millionen Deutsche kommen in die Endrunde der Eventshow "Pirmasens zerlegt das Suppenhuhn", die natürlich von Frau Hunziger-Hängebrust moderiert wird. Von diesem Erfolg angelockt, bilden sich weitere 12.000 Melodic-Stoner-Punk-Country Boygroups, manche davon bereits im Vorschulalter, und es ist völlig egal, dass all die kleinen Jungs und Mädchen bisher allerhöchstens auf ein Xylophon geklopft haben. Orff'sche Musikschule...

Zurück zur Realität. Es ist in der Tat so, dass uns in einigen Musikbereichen derzeit ein absoluter Overkill präsentiert wird. Als Beispiel seien der so genannte Melodic Rock und Punk (in all seinen Schattierungen) genannt. Gut, dass es wieder melodische Rocker gibt, die so klingen wie anno 1985. Aber müssen es gleich so viele sein? Auch recht, dass sich ein Haufen Punker auf den Bühnen tummelt. Aber doch bitte nicht jeder, der irgendwann mal Dreck unter den Fingernägeln hatte und meint, er könnte jetzt mal schnell seine 15 Minuten Berühmtheit abholen.
Zur wahnwitzigen Veröffentlichungsschwemme kommen Tourneen in etwa gleicher Menge. Wer soll das bezahlen, wer soll da den Überblick behalten? Man muss sich nicht wundern, wenn 95% dieser Tourneen schmerzhaft abstinken.

Natürlich produziert sich eine CD mit der heutigen Technik wesentlich einfacher und kostengünstiger, als es die alte Vinylplatte früher tun konnte. In Zeiten von Internet und Mailorderläden ist auch der "Vertrieb" einfacher zu gestalten. Natürlich ist das gut, denn so manche feine Band würde uns ansonsten entgehen. Musiker, Kreative überhaupt, soll und darf man nicht beschränken, deswegen hat die Entwicklung durchaus gute Seiten. Allerdings hat sich ein Regulativ aus diesem Spiel offenbar völlig verabschiedet: Der Markt. Logisch wäre eigentlich, dass ein Produkt/eine Stilrichtung ganz schnell wieder verschwindet, wenn sich ein kommerzieller Flop andeutet. Aber im Gegenteil, es kommen immer mehr Schraddel-Punker und toupierte Blondlöckchen, genau wie immer mehr Nachmittags-Talkshows, abgedrehte Survival-Camps, noch mehr Fußball im Fernsehen und noch ein Anbieter sensationell billiger Handymelodien.

An dieser Stelle sind die Firmen gefragt, ob klein oder groß, sie müssen doch irgendwann erkennen, dass sie sich in ihrer Ausrichtung gleichen wie SPD und CDU oder das rechte dem linken Ei. Den Vorwurf kann man nicht den Bands machen, die von wirtschaftlichen Zwängen geplagt werden und deshalb als stilistisch beschränktes Bluesrock-Trio durch die Lande touren (wir haben definitiv genug großartige Bluesrock-Trios, es werden nicht noch 77 weitere benötigt) und gleich gar nicht den jungen Kapellen, denen medial seit Jahren vorgemacht wird, dass man eben nichts können muss, um reich und berühmt zu werden.

Der Vorwurf richtet sich an diejenigen, die die Knöpfe im Hintergrund drücken und die offensichtlich den Überblick irgendwann komplett verloren haben (in Deutschland, in Amerika, überall). Oder wie ist es zu erklären, dass grandiose Bands sich aufgrund jahrelangem Desinteresse von Seiten der "Industrie" auflösen müssen, weil sie sich ihre Musik einfach nicht mehr leisten können? Wer gecastete Superstar-Vollkoffer und Tanzäffchen vermarkten kann, kann ganz genau so gut perfekte und ausgebildete Musiker vermarkten. Oder Schnürsenkel oder Kondome mit Vanillegeschmack.

Ich rede nicht von einem Kulturauftrag, den haben gewinnorientierte Unternehmen nicht. Aber es ist blind und wenig zukunftsweisend, wenn aus einer Boygroup 99 (Luftballone) gemacht werden und nach einer halbwegs guten und erfolgreichen Mittelalter-Schalmeienkombo binnen weniger Monate ganze Mantel-und-Degen-Filmgenerationen mit Komparsen besetzt werden können. Das gilt für die Haarspraybands, die jetzt plötzlich wieder daherschießen wie die späten Rächer des Gard Haarstudios (Leute, Ihr schadet doch auch der Ozonschicht!) und es gilt für alles, was uns in den letzten 2 Jahren kiloweise und gleichtönend in die Ohren geschaufelt wird.

Macht doch bitte bitte mal was anderes, Ihr A&Rs dieser Welt! Tipp: Geht dorthin, wo Musik gemacht wird, also in die Clubs, und treibt Euch weniger bei Sushi-Veranstaltungen herum. Ihr werdet dann auf ganz neue Dinge stoßen. Rock & Roll zum Beispiel. Nicht, dass das jetzt das nächste gaaanz große Ding wird, das hatten wir schon, aber ich glaube, dass der eine und andere von Euch so was gar nicht mehr kennt. Test it!
Weil sonst wird es Euch bald ergehen wie dem armen arbeitslosen Thomas, dem Stein. Der muss jetzt neben Bohlen sitzen und hyperaktive Rotznasen beurteilen. Grässliches Schicksal. Obwohl... jeder kriegt was er verdient...

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 18.03.2004

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