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Wieder kein Rock & Roll im Editorial. Tja, es gibt wichtigere Dinge im Leben. Beim nachfolgenden Text gilt wie immer: Friss es, oder lass es bleiben, Rocker.
Ob Mensch nun gläubig ist oder nicht, was derzeit in der römisch-katholischen Kirche unter Joseph Alois Ratzinger vor sich geht, lässt normal denkende Menschen schaudern und macht Angst. Beispielhaft hier nur die letzten Fälle, die den dringenden Verdacht eines rückwärtsgewandten und inquisitorischen Denkens der kirchlichen Oberhäupter erwecken.
Ratzingers unsägliche "Heimholung" der ewiggestrigen Bruderschaft St. Pius X. inklusive ihrer reaktionärsten und unleugbar antisemitischen Mitglieder (Williamson) war offenbar nur der nach außen sichtbare Anfang des neuen kirchlichen Mittelalters.
Der von Papst Benedikt 2005 zum Bischof von Augsburg ernannte und seit Jahren als Speerspitze der medialen Revanchistenkirche auftretende konservative Hardliner Walter Mixa verglich am vergangenen Aschermittwoch bei einer Veranstaltung der CSU (nicht vergessen, die nennen sich christlich und sozial!) Abtreibungen mit dem Holocaust.
Mixa ist ganz sicher kein Leugner des Holocaust und auch kein Faschist, aber ein solcher Vergleich ist so infam, dass man wenigstens eine offizielle Rüge aus der Chefetage erwarten könnte - von einer Anzeige wegen Volksverhetzung nicht gesprochen. Nichts dergleichen geschah, stattdessen wurden die kritischen Theologen abgemahnt, die sich gegen die Vorgänge um die Piusbruderschaft zaghaft auflehnten.
Mixa holt inzwischen auch Mitglieder der Sekte "Marienkinder" zurück in den Schoß der barmherzigen Mutter Kirche, schließlich hat ihm sein Boss das beste Beispiel gegeben, wie man mit Hasspredigern, gewaltbereiten Extremisten und Straftätern umgeht. Der inzwischen verstorbene frühere Chef der "Marienkinder" wurde unter anderem wegen "lebensbedrohlicher Körperverletzung" zu einer dreijährigen Haftstrafe verurteilt.
Die schlimmste Meldung über den neuen Weg und die offen gezeigte Abkehr vom 21. Jahrhundert kam dieser Tage aus Brasilien, dem katholischsten Land der Erde.
Bei einem vom Stiefvater missbrauchten und mit Zwillingen geschwängerten neunjährigen Mädchen aus Rio de Janeiro wurde ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Der Mann wurde inhaftiert und wird hoffentlich nie mehr Tageslicht ohne Gitterstäbe sehen. Doch dann meldete sich die Kirche in Person des Erzbischof Jose Cardoso Sobrinho zu Wort und fällte ihr Urteil: Exkommunikation der Mutter des Mädchens und der behandelnden Ärzte.
Es braucht keine Polemik und keinen Zynismus um den letzten Satz wirken zu lassen, es braucht nur dreimaliges Lesen, damit man den Wahnsinn wenigstens ansatzweise versteht. Ein 36 Kilo leichtes Kind wird vergewaltigt, mutmaßlich seit Jahren, Ärzte retten ihm mit dem Eingriff das physische Leben (das psychische ist wohl unrettbar zerstört) - und ein Erzbischof senkt gemäß (s)einem menschenunwürdigen Kirchenrecht den Daumen.
So widerwärtig das Gehabe dieses brasilianischen Erzbischofs auch ist, so sicher werden sich jetzt die Stimmen derer erheben, die diesen Eiferer als bedauerlichen Einzelfall banalisieren wollen. Und genau dies ist das Problem, das ein weltlicher Mensch mit der (katholischen) Kirche haben muss: Wie soll man mit diesen so genannten Christen in einen Dialog treten, wenn die Anführer sich als Kreuzritter betätigen? Glaubt wirklich irgendjemand, dass es nur die entrückten Fürsten sind, die so denken und handeln? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass sich in den Niederungen der Gemeinden tausende und abertausende solcher geistesverwirrter Fundamentalisten herumtreiben?
Können Eltern guten Gewissens ihre Kinder noch einem katholischen Kindergarten anvertrauen? Können ungewollt schwangere Mädchen und Frauen noch ohne Angst vor Hexenverbrennung zu einer Caritas-Beratungsstelle gehen? Wird nicht irgendwann jeder - schlimmstenfalls ein Kind - in die Fänge eines irren Gotteskriegers geraten? Möglicherweise ist es nur eine verbitterte Religionslehrerin, wie jene, die vor Jahrzehnten dem kindlichen Erstklässler aus der Unterschriftszeile eine schallende und grundlose Ohrfeige beibrachte, möglicherweise ist es einer dieser bigotten Moralapostel, der unschuldige Kinder für ihr Leben verbiegt, vielleicht geraten sie aber auch an einen der kranken Kleriker, die Wasser predigen und (gesetzwidrige) Unzucht betreiben. Die Kirche tut ja so viel für uns.
In Zeiten einer Weltwirtschaftskrise, die übrigens bei einer großen Mehrheit unseres Bürgertums überhaupt noch nicht angekommen und spürbar ist, haben Heilsverkünder und Apokalyptiker Hochkonjunktur. Die katholische Kirche demonstriert dies gerade exemplarisch und wandelt sich offenbar bewusst und absichtlich von einer Volkskirche und Anlaufstelle für Gläubige zu einem unheilvollen Gemenge von Fundamentalisten und Hetzern. Normal aufgeklärte Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts kennen dergleichen nur aus Büchern, Spielfilmen und Fernsehdokumentationen, die allesamt in grauer Vorzeit spielen.
Die Bilder mystisch vor sich hin murmelnder Mönchsgreise bei gruseligen Zeremonien mit Fackeln und Kreuzen gehören ins Reich der Filmemacher, mystisch vor sich hinmurmelnde Greise wie Ratzinger aka Benedikt XVI., Mixa und Sobrinho gehören ins Reich des Vergessens. Und mit ihnen auch gleich all jene, die den Zölibat befürworten und Verhütung, Homosexualität und Rockmusik für Teufelswerk halten.
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