HoR Logo kl Editorial:

Lästige Musikanten

Logo Home-of-Rock
Startseite > Editorial > Lästige Musikanten

Dagegen ist selbst HEAD & SHOULDERS machtlos. Gemeint ist die zur Zeit stattfindende rasante Vermehrung an Talentschuppen (einige kennen die Sendung vielleicht noch). Sei es "Die Deutsche Stimme", "Fame", "Star Search", "Popstars-Duell" oder "Deutschland sucht den Superstar.
Mir scheint, wir sind ein Volk von unentdeckten Talenten.

Was früher im kleinen Rahmen der Dorfdiskotheken als Karaoke-Wettbewerb rumlärmte, hat jetzt den Weg in die Medien gefunden. Ballermann goes to TV. Und da unterbieten die Sendungen das allgemeine Durchschnittsniveau dieses Karaoke Brimboriums um ein Beträchtliches.
Ging Tante Erna früher zum wöchentlichen Chorsingen, so verläuft sie sich jetzt in den "hochprofessionellen" Casting Barracken.

Ich erinnere mich noch an die ersten Vorentscheidungen zum Grand Prix mit Liedern wie Wo warst du als ich starb. Die verantwortlichen Künstler starben noch an diesen Abend den verdienten Künstlertod. Doch jetzt stehen ihre Klone zu Hunderten in den Startlöchern und sind noch nicht einmal mehr in der Lage das Wort NIVEAU richtig zu buchstabieren.
Wie genieße ich doch im Nachhinein die spröde Mittelmäßigkeit einer Ute Lemper gegen diese, aus ihren Casting-Löchern kriechenden, Knallchargen vom Dienst. Ein Heer von Ich habe schon einmal unter der Dusche gesungen-Notenanalphabeten mit der Ausstrahlung eines verdorrten Oleander. Wurden damals die Babys oder die Nachgeburten großgezogen? Bei dieser Möchtegern-Künstler-Spezies kann man es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr nachvollziehen.

Ich will jetzt nicht ungerecht sein. Auf 1.000 Bewerber die einem allabendlich vorgesetzt werden (Ich danke Gott für die Werbeunterbrechungen) kommen immerhin ein paar wirklich gute Talente.
Doch der Rest ist größtenteils Ausschuss, wird aber Dank der neuerdings geltenden KÜBELBÖKSCHEN QUALITÄTSMESSLATTE mit eigenen Plattenverträgen auf die Menschheit losgelassen.
Die Zeiten, in denen großartige Künstler über Jahrzehnte die Musiklandschaft geprägt haben, scheinen bald vorbei zu sein. Angesagt sind nur noch die im regelmäßigen Vierteljahresrhythmus entdeckten Casting-Superstars die Johann Sebastian Bach für den Erfinder des Rinnsals halten. Diese werden nach drei Monaten vom nächsten Dilettantisten-Schub abgelöst.

Und im gleichen Zuge findet auch eine Umbenennung der Plattenfirmen statt.
BMG steht dann für BESCHEIDENE MUSIK GESELLSCHAFT und EMI für EINFÄLTIGE MUSIK INDUSTRIE.

Und wer entscheidet letztlich über die musikalische oder sonstige künstlerische Verwertung einer Armada von Untalentierten? Es ist die Jury oder im Volksmund jetzt schon bezeichnet als BIEDERMAN UND DIE BRANDSTIFTER.
Kein Promi-Depp scheint sich zu schade fürs Jurorentum. Da glotzt eine Ansammlung von Kunsttitten, Pseudomanagern, Halbseidenen, Gelglatzen und "Auch ich war mal bekannt durch Funk und Fernsehen" auf die kreischenden Dissonanzen vor der Bühne und gibt ihre Wertung ab.

Und das Publikum passt sich dem kläglichen Niveau dazu bestens an.
Kreischende Fan-Clubs, die über Nacht aus dem Boden gestampft wurden, brüllen ihre Favoriten nach vorne. Egal, wie schräg sie auch singen oder tanzen mögen. Der asoziale Bodensatz einer sich ständig vergrößernden Subkultur kann längst nicht mehr zwischen gut und schlecht unterscheiden. Schlecht gilt sogar als schick und in. Dagegen erreichen die kläglichen Hampeleien eines DJ Ötzi fast schon MOZART'SCHE Größe.

Nicht von ungefähr erinnern dieses Casting Katastrophenszenarien an die verblödenden italienischen Zombiefilme aus den frühen Achtzigern. Die meisten Teilnehmer (und Juroren) wären bestens für eine Hauptrolle in diesen anspruchsvollen Horrorfilmchen geeignet. Sie sind die idealen Zombies schlechthin. Scheinbar hirnlos und eine Vielzahl von eigenartigen Lauten von sich gebend.

Hinter all dem Übel steckt aber schließlich nur eine kleine Klientel geldgieriger und hörsturzgequälter Plattenbosse, die für ein paar verkaufte CDs mehr ihre Mutter in der Nordsee verklappen lassen würden.
Das hat natürlich fatale Folgen für die vielen talentierten Musiker und Bands, die sich mit diversen kleinen Clubauftritten und harten Nebenjobs über Wasser halten müssen.
Aber eine Bewerbung bei einer der zahlreichen UNTALENT-SHOWS macht für sie keinen Sinn. Gute Musik und Qualität wird nicht gewünscht. Glücklich kann sich schätzen, wer vielleicht irgendeine Macke nachweisen kann. Die Teilnahmechancen steigen dann um ein Vielfaches.

Und die Moderatoren/-innen? Vorbei die seligen Zeiten eines Kuli oder Peter Frankenfeld. Deutschlands bester Gegenwartsconferencier war pfiffig und hat sich rechtzeitig in seine Late-Night Kuschelecke, eines der wenigen anspruchsvollen Kleinode in der heutigen TV-Landschaft, zurückgezogen. So ist das Feld frei für die sogenannten Ansage-Minimalisten, die nicht einmal in der Lage sind, ihren Text fehlerfrei vom Prompter abzulesen und die jedes Grunzen ihrer Kandidaten mit einem "Das war toll" begleiten.

Wie sieht denn nun die rosige Zukunft im Land der unbegrenzten Talente aus?
Im Jahre 2013 dürfte ungefähr jeder 2. Bundesbürger mindestens einmal durch die Casting-Grundausbildung gegangen sein. Etliche Bewerbungscouchen wurden vom Dauerbumsen der Star-Anwärterinnen ruiniert und zieren die Hallen der Sperrmüllabfuhr.
Help kennt der Durchschnittsdeutsche dann nur noch als Dance-Depp-Version von irgendeinem kehlkopflosen Gesangshirni namens WIE HIESS DER DAMALS NOCH. Der war doch Dritter bei DSDS im Jahre 2009 oder 2011?
Und wer sind die BEATLES? Waren das nicht Schauspieler, die in lustigen alten englischen Schwarzweißfilmchen mitgespielt haben?

Die PISA Studie über unser marodes Schulwesen ist zur Zeit das bildungspolitische Thema Nr. 1. Nicht auszudenken, würde man diese Studie über die Castingshows, ihre Kandidaten, die Moderatoren und ihr Publikum machen. Fazit: Wir befinden uns auf dem Weg in die künstlerische Steinzeit.
Ungeachtet dessen sind die Talent-Soaps eindeutig ein Fall für die UN-Menschenrechtskommission.
Und gegen diesen geistigen Dünnpfiff hilft nur eins: Fernseher abschalten oder aber jede Menge IMMODIUM AKUT.

Joachim Domrath, (Impressum, Artikelliste), 25.09.2003

Sagt uns die Meinung zu diesem Artikel oder ergänzt oder verbessert ihn:

Startseite > Editorial > Lästige Musikanten

 
© Home of Rock 2001 - 2008, Impressum