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Alle Macht dem …

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Unser Disclaimer

Wem eigentlich? Das Volk kann nicht gemeint sein. Wer in den letzten 20 Jahren von Solidarität sprach, war ein Sozialromantiker. Wer das Wort Sozialismus in den Mund nahm, war entweder Historiker oder kurz vor der Einweisung in eine sehr geschlossene Anstalt. Ganz neue Begehrlichkeiten wurden geweckt, neue Märkte erschlossen, Europa erweitert, Ländergrenzen und Schranken, auch moralische, abgebaut, Zweit- und Drittjobs geschaffen, weil die Entlohnung im regulären Beruf zu wenig für Miete, Strom, Gas und Euro-Preisverdoppelung wurde. Von den ausgespieenen Kollegen gar nicht gesprochen, für die gibt es Hartz IV (zur Erinnerung: dieses Arbeitslosengeld II basiert auf den Ideen des verurteilten Veruntreuers Peter Hartz). Das ist die moderne Zeit, manche nennen es Turbokapitalismus. Und doch geschehen in diesen Tagen Dinge, die man kaum für möglich hält. Zum Beispiel: Banken gehen reihenweise pleite und Bayern hat jetzt eine Demokratie!

Die in Bayern alles bestimmende Staatspartei CSU wurde bei der Wahl vom 28.09.2008 von ihrer bequemen Zweidrittelmehrheit auf - in diesem Land existenzbedrohende - 43,4% Wählerstimmen zusammengestaucht. Hoppla. Prozentual gesehen ist dies das schlimmste Ergebnis für die Christlichsozialen seit 1958 und es ist der erste Verlust der absoluten Mehrheit seit 1962. Die Christlich-Soziale Union in Bayern e. V. hat ihre Allmacht verloren. Wie kommt das?
Es ist ganz simpel, denn auch die Bayern reagieren wie alle anderen vernunftbegabten Menschen negativ auf schreiende Dummheit und beeindruckende Inkompetenz. Die grausige Serie von Peinlichkeiten, krassen Fehlentscheidungen und Über-den-Kopf-des-Bürgers-Hinwegregierens haben gar kein anderes Ergebnis mehr zugelassen - andernfalls hätte man am Verstand der demokratiefähigen Mehrheit dieses Landes zweifeln müssen. Stoibers Flucht aus Berlin, seine asoziale Sparpolitik, das Affentheater um seine Nachfolge als Ministerpräsident und Parteichef, das krachende Ende des unsinnigen Stoiber-Prestigeprojekts Transrapid, die bildungspolitisch desaströsen Auswirkungen des völlig überstürzt eingeführten achtjährigen Gymnasiums, die Posse um das Rauchverbot (im Wahljahr darf in Bierzelten, aber sonst nirgendwo, geraucht werden), das Milliardendebakel der Bayern LB (früher: Bayerische Landesbank; ganz früher: Girozentrale; die haben Geld überwiesen und nicht spekuliert), Gammelfleisch, Büchergeld, der Eiertanz bei der letztendlich unwichtigen Pendlerpauschale (deren Abschaffung die CSU forciert hat), Kreuzzüge gegen Andersdenkende und die fränkische Mrs. Seltsam Gabriele Pauli haben den Clowns in der Staatskanzlei die Narrenkappe über die Ohren gezogen. Wo früher noch echte Verbrecher regierten, haben sich unfähige Taschendiebe eingenistet, die nicht in der Lage waren, die im Grunde recht einfachen Gemüter an den Stammtischen auf ihre Seite zu ziehen. Das alles unter dem Anführer Beckstein, der vom reaktionären Ich-weise-alles-unbayrische-aus Innenminister zum dauergrinsenden Onkel Ministerpräsident mutiert ist und sich zu so intelligenten Äußerungen wie "ein anständiger Bayer kann auch mit zwei Maß Bier noch Auto fahren" hinreißen ließ. Selbst der überfällige Rücktritt von Parteichef Huber geriet noch zum peinsamen Ringelpietz mit Stuhl unter dem Hintern wegziehen. All das geht selbst in Bayern irgendwann nach hinten los und sogar der jahrzehntelang anständige Lederhosenträger wird zum Anarchisten, auch wenn auf dem Oktoberfest bisher niemand mit einer Che Guevara Baskenmütze mit rotem Stern gesichtet wurde.
Nun muss man natürlich nicht glauben, dass sich irgend etwas im Freistaat ändern wird, denn jeder Koalitionspartner der CSU wird innerhalb kürzester Zeit vereinnahmt (wenn es die Freien Wähler sein sollten) oder kurz gehalten, zerstampft und diskreditiert werden (sollte die FDP der Partner werden). Ränkespiele und Intrigen beherrscht die CSU wie sonst niemand, die älteren Leser können sich vielleicht noch an den Schurkenstreich mit der Bayernpartei erinnern. In den ländlichen Regionen, wo die Freien Wähler ihre lokale Kompetenz zeigen, wird garantiert binnen kurzer Zeit die CSU-Hoheit über Acker und Furche wiederhergestellt werden, und gegen eventuelle Einwände der FDP wird es genau ein einziges Totschlagargument geben: "WIR (die CSU) haben Bayern zum wirtschaftlich erfolgreichsten Bundesland gemacht, während Ihr (die FDP) in einen Dornröschenschlaf verfallen seid". Saludos, Amigos.
Wie schade, dass es keine sozialdemokratische Opposition gibt, denn es war nie so einfach wie heute, mit den Kolonialherren aufzuräumen.

Derweil musste dieser Tage eine Großbank mit einem "niedrigen zweistelligen Milliardenkredit" (!!!) vor dem sofortigen Bankrott gerettet werden. Es handelt sich um die Hypo Real Estate, die früher einmal schlicht die Finanzierungsabteilung für gewerbliche Immobilien bei der längst nach Italien verkauften HypoVereinsbank war. Diese HRE hat sich unlängst die traditionsreiche Depfa Bank einverleibt, die in der Vergangenheit als Deutsche Pfandbriefanstalt ein staubtrockenes aber seriöses Staatsunternehmen war und inzwischen ihren privatisierten Sitz in Irland hat.
Weil die Depfa sich verspekuliert hat, kommen auf den Steuerzahler möglicherweise Mehrbelastungen bis zu 26,6 Milliarden Euro zu, da für diesen Betrag der Staat bürgt. Warum der Bund für eine längst als Aktiengesellschaft auftretende Bank bürgt, vor allem ohne ganz klar die künftige Marschrichtung zu bestimmen, wird möglicherweise irgendwann ein Politiker erklären. Oder auch nicht.
Weder Depfa noch Hypo Liegenschaftsbank sind Einzelfälle, aus der ganzen Welt werden täglich Zusammenbrüche und Rettungsaktionen vermeldet, die jeder für sich alleine mehr Geld kosten, als sich unsereins auch nur vorstellen kann.
Man könnte sagen, dass uns diese Milliardengräber vollkommen egal sein können, schließlich ist es nicht unser Geld, aber das wäre eventuell zu kurz gedacht. In den USA verlieren derzeit 8.000 Menschen pro Tag ihr Eigenheim, 5.000 Immobilien werden täglich zwangsversteigert, altehrwürdige Investmentbanken lösen sich in Nichts auf und eine vollkommen überforderte Politik stopft öffentliche Gelder in absurden Mengen in unzählige Fässer ohne Boden. Und das ist die eigentliche Gefahr an der Sache. Ganz offensichtlich hat sich in der großen Welt der Finanz- und Industriekonzerne längst herumgesprochen, dass man tun und lassen kann was man will, auch wenn es illegal ist, wenn der Regenwald abgeholzt wird und Gletscher schmelzen, oder wenn versehentlich Summen in der Höhe des Bruttosozialeinkommens ganzer Kontinente vernichtet werden. Wenn der Luftballon irgendwann platzt, muss man nur winken und ein wenig mit dem Untergang der zivilisierten Welt drohen, schwupps springt die willfährige Politik mit 700 Milliarden Dollar ein (wenn sie nicht gerade ihrem irrsinnigen Präsidenten einen Abschiedsschreck einjagen will - wie soeben in Amerika geschehen).
Im Jahr 2007 kassierten amerikanische Banker 33 Milliarden US $ Bonifikationen (für gute Geschäfte) und Abfindungen (für schlechte Geschäfte), da wundert man sich nicht, wenn in den Tagesthemen zu sehen ist, wie über Nacht joblose Manager (und dort sind bis auf den Liftboy alle Manager) mit nichts als ihrem Golfschläger in der Hand grinsend die Bürohochhäuser verlassen. Arbeitslos, aber stinkend reich.

Fantastilliarden wurden inzwischen durch den Kamin geblasen, aber anstatt das Pack zu stoppen, lässt man einen Bahnchef Mehdorn unverdrossen den Börsengang seines Unternehmens vorbereiten, was auf dem Höhepunkt einer globalen Finanzkrise etwa so sinnvoll ist wie ein Badeausflug im Planschbecken einer Krokodilsfarm. Offenbar waren all diese Vorstände und Manager - egal in welchem Konzern - früher einmal Liftboy und wurden nur durch eine Verwechslung zum Bestimmer über Wohl und Wehe der Welt, anders ist die unfassbare Dummheit und Impertinenz dieser Leute nicht zu erklären. Da dürfen pickelgesichtige Frackträger, schmierige Spekulanten und degenerierte Politdilettanten mit Geldmengen aberwitziger Dimensionen jonglieren, derweil sie zuhause vor einer Dose Bohnen verhungern würden, weil sie das hoch komplizierte Werkzeug Büchsenöffner nicht bedienen können. Zusammen gibt das eine brisante Mischung, die das Allerschlimmste für die Zukunft befürchten lässt.

Während wir auf die neue CD von AC/DC warten, dämmert uns langsam die Antwort auf die Frage in der Überschrift:

Alle Macht dem … WAHNSINN!

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 30.09.2008

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