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Interview

Donnie Munro

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Vor seinem Auftritt im H2O hatte ich die Gelegenheit, ein kurzes Gespräch mit Donnie Munro führen zu können.
Ich würde lügen, wenn ich sage, dies sei kein besonderer Augenblick für mich gewesen. Nachdem ich zunächst geklärt hatte, ob ich Donnie Fragen zu seiner Vergangenheit bei RUNRIG stellen könnte, er dies bejahte und sich mit einem Fläschchen Pils bewaffnet hatte, konnten wir loslegen.

HoR: Für viele war es eine große Überraschung, dass Du nach Deinem Ausstieg bei RUNRIG wieder als Solokünstler in Erscheinung getreten bist. Hattest Du das schon damals geplant?
Donnie Munro:

Nein, aber das ist eine recht seltsame Geschichte. Viele Leute haben mich wegen einer Solokarriere angesprochen. Die einzig vernünftige Antwort die ich darauf geben kann ist: Wenn ich jemals auf eine Solokarriere aus gewesen wäre, dann hätte ich sie zu dem Zeitpunkt starten müssen, als RUNRIG auf ihrem Höhepunkt waren, also 1991, 1992. Ich war immer ein Teil der Band und als ich sie dann verließ, war mir bewusst wie eng unsere Beziehung zueinander wirklich war, aber ich hatte das Gefühl in künstlerischer Hinsicht am natürlichen Ende eines Weges angekommen zu sein.

Ich denke, wenn Du so etwas empfindest, musst Du entsprechend handeln. Ich habe zwar schon Material für mich geschrieben, als ich noch in der Band war und ich wollte mit diesem Material auch ein Album aufnehmen.

Nachdem ich meine Verpflichtungen mit RUNRIG erfüllt hatte begann ich, viele andere Dinge zu tun. Ich hatte Zeit mich etwas vom Musikgeschäft zurückzuziehen und ich hatte die Möglichkeit, auf Skye zu arbeiten. Chris Harley, der die meisten und wichtigsten Alben der Band produziert hat - er ist übrigens auch hier und wird heute Nacht mit mir zusammen auf der Bühne stehen - und ich wohnen recht dicht beieinander und so hatten wir die Möglichkeit, ohne großen Aufwand miteinander zu arbeiten. Das ist eigentlich alles was hinter der Sache steckt. Es gab keinen großen Plan, keine Karriereplanung. Wir haben einfach zusammen Musik gespielt, Songs geschrieben... wir hatten großartige Musiker um uns, von denen viele, wie Du sicher weißt, schon in der Vergangenheit, als ich noch bei RUNRIG war, zusammen mit mir Musik gemacht haben. Da gab es viele gemeinsame Sessions. Wir hatten einfach jetzt die Möglichkeit, wir hatten die Zeit dafür, wir hatten die Band, wir hatten die Songs für das Album und wir haben es genossen. Es war ein großer Unterschied zu RUNRIG.

HoR: Wenn ich mir Dein Album On the west side anhöre, dann habe ich das Gefühl, dass da keine große Planung dahinter steckt, sondern dass Du einfach ins Studio marschiert bist, und die Songs aufgenommen hast, die Dir gerade am Herzen lagen...
Donnie Munro: Ja, im Großen und Ganzen hast Du recht. Wenn wir normalerweise mit RUNRIG ins Studio gegangen sind, dann haben wir immer nur einzelne Teile, zum Beispiel den Bass aufgenommen, und wir waren uns von vorne herein darüber im Klaren, wie bestimmte Dinge zu klingen hatten, weil es eben RUNRIG war. Als ich mit diesen Musikern im Studio war, war es völlig anders. Wir haben jeden einzelnen dieser Musiker aufgrund seiner Qualitäten gewählt, zum Beispiel den Bassisten wegen seiner Musikalität. Wir sind gerade nicht hingegangen und haben diesen Musikern gesagt: Du musst jetzt genau das spielen! Wir haben den Leuten unsere Ideen vorgespielt, sie haben sie sich angehört und wir sagten ihnen: Jetzt tragt ihr euren Teil bei. Drückt euch als eigenständige Musiker aus. Wir arbeiteten auf diese Weise und irgendwo war deshalb auch eine Menge experimentell und nicht vorhersehbar.
HoR: Hast Du es jemals bedauert RUNRIG verlassen zu haben?
Donnie Munro: (sehr bestimmt) Niemals! Und es wäre schrecklich dumm von mir, wenn ich es bedauern würde. Ich habe für mich eine sehr positive Entscheidung getroffen. Ich habe keine negative Entscheidung getroffen, sondern eine Positive und das war, die Band zu verlassen. Jetzt in Anbetracht der vielen Fans der Band hinzustehen und zu sagen, ich bedauere es, die Band verlassen zu haben, dass wäre dumm und unehrlich.
HoR: Ich habe es immer als eine Entscheidung für Dich und nicht gegen die Band betrachtet.
Donnie Munro:

Oh ja! Es war nie eine Entscheidung gegend irgendjemanden. Es war eine Entscheidung um mich und um die Zeit, die mir zur Verfügung steht und um die Rahmenbedingungen. Weißt Du, wenn Du so lange mit einer Gruppe von Leuten zusammen bist, dann passieren zwei Dinge. Eine Menge Freundschaft entwickelt sich, besonders mit einigen bestimmten Leuten in der Band, mit denen man besonders viel Zeit verbracht hat. Leute wie Callum, wir schrieben zusammen Musik, wir studierten gemeinsam, da entsteht eine sehr enge Beziehung.

Selbes Thema: Wenn Du so lange mit einer Gruppe von Leuten zusammen bist, dann können zwischenmenschliche Beziehungen auch andere Ergebnisse zu Tage fördern und manchmal wird es dann einfach schwierig. Einige meiner persönlichen Freiheiten, die ich mir nahm, wurden zu einer Belastung für die Band und ließen es ungemütlich werden. Die letzten beiden Jahre, die ich in der Band war, habe ich mich nicht mehr so wohl gefühlt, wie ich mir das vorstelle, und es wurde langsam unangenehm. Die Band hat das natürlich mitbekommen.

HoR: (Die Frage fällt mir schwer, aber ich muss sie einfach stellen) Es ging das Gerücht, Du hättest RUNRIG wegen einiger politischer Differenzen mit anderen Bandmitgliedern verlassen.
Donnie Munro: Das ist wirklich nur ein Gerücht. Deswegen habe ich die Band bestimmt nicht verlassen. Richtiger wäre es zu sagen, dass wir alle recht ähnliche politische Ansichten haben. Um ehrlich zu sein, mit Ausnahme von Peter, dem Keyboarder der ein Nationalist ist. (Anm: Peter Wishart ist Mitglied der SNP (Scots National Party), die auf demokratischem Wege für ein unabhängiges Schottland eintritt. Allerdings missbrauchte die SNP zum Beispiel Donnies Abschiedskonzerte auf Stirling Castle, um an historischer Stätte massiv Werbung für ihre Sache zu machen). Wir stehen politisch alle irgendwo Mitte links und unterstützen die Labour Party. Ich habe das einfach fortgeführt und weiter für Labour gearbeitet, wie wir das auch als Band gemacht haben. Jetzt aber verlässt Peter RUNRIG um für die SNP zu kandidieren. Du siehst, alles ändert sich. Jedenfalls habe ich RUNRIG nicht aus politischen Gründen verlassen, aber mein verstärktes politisches Engagement fiel zeitlich mit meiner Entscheidung zusammen, die Band zu verlassen. Die Politik hat in meine Entscheidung hineingespielt, aber sie war nicht der Grund.
HoR: Aber du strebst immer noch einen Sitz im schottischen Parlament an?
Donnie Munro: Ja. Es ist ein bestimmter Teil meines Lebens und garantiert nicht, weil ich Politik liebe. Ich liebe Politik nicht, aber ich liebe die Möglichkeit Dinge zu ändern. Im Moment hat jeder Tag in meinem Leben mit Politik zu tun, durch meine Arbeit in Bildungsprogrammen, in der Kunst (Anm. Donnie ist so nebenbei auch ein anerkannter Maler in Schottland, der schon an exponierter Stelle ausstellen konnte.), in meinem kulturellen Engagement. Ich bin sehr glücklich, dass ich seit ich die Band verlassen habe, als Berater des schottischen Ministers für Kultur tätig sein kann. Das ist ein Amt, dass mir wirklich viel Spaß macht und für das ich mich verantwortlich fühle. Dann ist da noch die gälische Sprache, in deren Förderung, wie Du weißt, ich mich stark eingebracht habe. Es gibt so viele Bereiche und ganz besonders die Kunst, alleine wegen meines Hintergrundes als bildender Künstler. Natürlich auch die Musik. Ich empfinde das als meine natürliche Heimat. Politik ist der einzige Ansatz, mit dem wir wirklich etwas ändern können. Weißt Du, wir können Musik machen, wir können Lieder singen, das ist ein wunderbarer Einfluss. Ich denke, Musik hat einen tiefgründigen Einfluss auf uns, und wie wir uns fühlen, aber nur gelegentlich ändert Musik den Lauf der Geschichte. Vielleicht in den Sechzigern in Amerika, mit Vietnam, da hat die Musik die Sichtweise auf Vietnam beeinflusst. Im Allgemeinen aber, wenn Du Veränderungen in dem Sinne erreichen willst, das Leben der Menschen besser oder einfacher zu machen, dann musst du einfach akzeptieren, dass Politik der einzige Weg ist.
HoR: Was planst Du in musikalischer Hinsicht? Kommt ein neues Studioalbum?
Donnie Munro: Ich habe Songs für ein komplettes Album in der Hinterhand, die ich gerne aufnehmen möchte. Aber ich habe keine Zeitplanung, wann ich das mache. Mein Leben läuft inzwischen anders ab. Ich habe nun andere Schwerpunkte: Meine Familie. Ich habe Verpflichtungen, die mit Sprache, Kultur, Bildung und Politik zu tun haben. Es ist eine Mischung aus diesen Dingen, und ein entscheidender Faktor ist der richtige Zeitpunkt, wenn all die benötigten Leute verfügbar sind. All die Leute, die Du bei mir hörst, sind großartige Musiker und jeder von ihnen hat seine eigene Karriere aufgebaut. Das sind alles sehr anerkannte Musiker in Schottland, manche haben ihre eigenen Bands, manche betreuen Tonstudios. Ich bin glücklich, dass sie an meiner Musik mitwirken, dass sie mich hier nach Deutschland begleitet haben, und dass wir für ein paar weitere Festivals im Sommer wiederkommen. Das ganze ist für uns ein großer Spaß und es ist großartig, dass es auf dieser Ebene abläuft.
HoR: Du betreibst die Musik momentan nicht mit all zu großem Ernst.
Donnie Munro: Es ist jetzt einfach anders. Zuvor war es fast wie eine industrielle Maschinerie. Als ich noch bei RUNRIG sang und für sie auf die Bühne ging, hatte ich vielleicht dreißig, vierzig Leute hinter mir stehen, die von mir abhängig waren, was ich als Sänger leistete und was die Band als Band zuwege brachte. In ihrer Existenz! Diese Problematik gibt es jetzt nicht mehr. Niemand in meiner Band ist von mir abhängig. Sie sind alle hier, weil sie das wollen und weil sie die Musik mögen, weil sie miteinander spielen möchten, und weil sie mögen, was der jeweils andere macht. Das ist der Unterschied. Und ich bin hier, weil ich die Songs geschrieben habe und HYPE als Plattenfirma sich für meine Arbeit interessiert. Ich bin sehr glücklich mit ihnen hier in Deutschland arbeiten zu können, weil die Zusammenarbeit sehr gut ist. So lange die Dinge so laufen, ist das ein guter Grund sie so weiterzuführen.
HoR: Ich glaube wir müssen langsam Schluss machen. (Tourleiter Christian deutete zum wiederholten Male an, dass ihm die Zeit knapp wurde). Kannst Du uns noch was über die UHI (University of the Highlands and Islands) erzählen?
Donnie Munro: Ja, die University of the Highlands and Islands ist eine neue Einrichtung und ich bin der Rektor dieser Universität. Zuvor war ich ja Rektor an der Universität in Edinburgh, so dass ich entsprechende Erfahrung habe. Das Besondere für mich an der UHI tätig zu sein ist, dass es in meiner Heimatregion in Schottland, auf einem Gebiet fast so groß wie Belgien, bis jetzt keine Universität gab, die die Studenten besuchen konnten. Das ist ein riesiges Gebiet und was passierte war, dass die Studenten die Highlands und Islands verlassen mussten. Wenn sie studieren wollten, mussten sie nach Glasgow oder Edinburgh. Die Studenten bekamen eine sehr gute höhere Ausbildung, verloren aber den Bezug zu ihrer Heimat, zu ihrer Gesellschaft und Gemeinschaft, der sie entstammten. Der Region wurde aber mit den jungen Leuten das Lebenselixier entzogen. Die UHI steht für zwei Dinge. Erstens ermöglicht sie den jungen Leuten die Wahlmöglichkeit dies nicht auf sich nehmen zu müssen.
Andererseits bietet die UHI Leuten aus Deutschland, Frankreich, Kanada, Australien, aus der ganzen Welt, die Möglichkeit, eine ganz besondere Einrichtung zu besuchen. Wir verwenden sehr fortschrittliche Technologien, um die Ausbildung zu unterstützen. Wir haben entsprechende Spezialisten und ein besonderes Arbeitsumfeld, was ein wichtiger Teil des Ganzen ist. Es ist ein sehr spannendes Projekt.
HoR: Ist die UHI Dein Lebenswerk?
Donnie Munro: Sie ist sicherlich ein Teil meiner aktuellen Arbeit. Momentan arbeite ich an der Förderung der gälischen Sprache am College ... (Anm: Der Name des Colleges ist Sabhal Mor Ostaig - ein Danke an unsere aufmerksamen Leserinnen Jutta und Petra.) Es ist das einzige Institut für Gaelic auf der ganzen Welt und das ist eine sehr verantwortungsvolle Rolle. Ich arbeite an Förderprogrammen und im Projektmanagement und denke, das ist eine wichtige Arbeit für die Sprache und die Kultur. Ich bin froh, daran mitwirken zu können und es hilft uns natürlich, dass ich durch RUNRIG bekannt bin. Es fällt mir dadurch vielleicht leichter als anderen meinen Fuß in irgendwelche für uns wichtige Türen zu bekommen und das ist natürlich überaus positiv.

Tja, aus Zeitgründen habe ich das Interview etwas straffen und an dieser Stelle beenden müssen, aber vielleicht ergibt sich ja im Rahmen der angedeuteten Sommerfestivals die Gelegenheit zur Fortsetzung.

Danke für Eure Unterstützung / Thank you for your support:
Donnie Munro, Irene & Christian (HYPERTENSION), Christoph ([2 x zwei] Promotion) Ohne Euch wäre dieses Interview nicht möglich gewesen.

Eine kleine Begebenheit am Rande möchte ich unseren Lesern nicht vorenthalten. Nachdem Donnie vom Catering zurückkam, spazierte er völlig ungezwungen mit einem Pils in der Hand durch die Alte Spinnerei, das dem H2O angeschlossene Bistro, überquerte die Hauptstraße, setzte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf die Leitplanke und ließ die Seele baumeln. Natürlicher und bodenständiger geht es wohl kaum. Dieses Bild von Donnie Munro hat sich genau so in meinem Gedächtnis eingeprägt, wie seine Rührung als er sich damals in Stirling mit 'Going home' von den RUNRIG-Fans verabschiedete.

Martin Schneider (Impressum, Artikelliste), 31.03.2001

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