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Sarah Walker ist eine Amerikanerin in Hamburg. Sie macht interessante Musik, hat eine interessante Vermarktungsstrategie und sie sieht zu allem Überfluss auch noch gut aus. Sind wir also bei "Starsearch" oder "Deutschland sucht den Superstar"? No!
Home of Rock: Sarah, wir haben eigentlich zwei Dinge über die wir reden müssen. Erstens natürlich Deine Musik und zweitens Deine Strategie die Musik zu verkaufen. Das ist ja beides ganz interessant.
Unsere Leser kennen Dich zum größten Teil vermutlich noch nicht. Erzähl doch mal über Deine Musik, wo Du herkommst und so weiter.
Sarah Walker: Ich komme eigentlich aus Kalifornien, habe seit meinem 13. Lebensjahr Gitarre gespielt und Songs geschrieben und bin nach der Highschool ein bisschen durch die Welt gezogen. Erst war ich ein Jahr in Miami Beach, dann in Korea und Thailand, da hab ich einen Deutschen kennen gelernt und wegen dem bin ich vor ungefähr sechseinhalb Jahren nach Deutschland. Allerdings hab ich dann auch schnell festgestellt, dass der Grund warum ich in Deutschland bleiben möchte die Musik war. Ich hatte ein Studio hier gefunden, habe angefangen meine Songs aufzunehmen, brauchte natürlich ungefähr ein halbes Jahr um hier richtig "anzukommen", Leute kennenzulernen und so weiter.
Meine Musik war schon immer rockig und mit starkem Bezug auf Singer/Songwritergeschichten. Ich stehe sehr auf electrolastige Beats und kräftige Gitarren.
HoR: Das hört man. Sind die Songs auf Deiner Homepage neue Songs oder Sachen die sich über die Jahre angesammelt haben?
S.W.: Unterschiedlich. So etwa 50/50. Es sind auch paar Covers dabei, ich habe auch mit anderen Songschreibern gearbeitet, mit denen zusammen geschrieben oder auch einige die komplett von anderen Songwritern sind, in die ich mich verliebt habe und die wir auch live spielen.
HoR: Über welchen Zeitraum sind die Songs aufgenommen?
S.W.: Hm, was man auf der Homepage hört sind sozusagen Remixe, also die Sachen sind teilweise schon früher aufgenommen - zum Teil im letzten Jahr - und die Band ist erst danach entstanden.
HoR: Deine Songs sind durchaus unterschiedlich... Wenn Du ein Mann wärst, würde ich Dich vielleicht mit Ryan Adams auf Speed vergleichen. Was sind Deine Einflüsse?
S.W.: Wenn Du schon von Ryan Adams redest... ja, der sicher auch. Dann natürlich BritPop, Punk der Siebziger und Achtziger, THE CRAMPS, die VIOLENT FEMMES, BLONDIE find ich super, aber auch so Sachen wie BLACK SABBATH...
HoR: Du redest mit einem riesigen Debbie Harry Fan!
S.W.: Die Frau ist der Hammer, nicht? Aber auch jemand wie Grandmaster Flash oder RUN D.M.C., der Beginn von HipHop in New York... Das hat mich genau so beeinflusst wie Rock.
HoR: Du bist mit einer Band zusammen?
S.W.: Ja, das ist eine feste Band, und es sind zum Glück Freunde von mir. Wenn man den Status von zum Beispiel WIR SIND HELDEN hat, dann kann man sich das auch leisten (eine Band richtig zu bezahlen). Meine Jungs arbeiten alle noch an anderen Projekten, teilweise als Studiomusiker oder sogar als Produzenten. Das ist aber auch sehr gut, weil zum Beispiel mein Schlagzeuger auch produziert und der macht das dann auch für mich.
HoR: Ist Hamburg für Dich eine Durchgangsstation oder sozusagen Deine neue Heimat?
S.W.: Auf jeden Fall meine Heimat. Ich find es super gemütlich und schön hier. Natürlich, in der ersten Zeit fühlte es sich irgendwie wie eine Zwischenstation an, aber mittlerweile ist es so, dass wenn ich nach Kalifornien gehe, fühlt es sich fremd an... Kalifornien ist natürlich schon toll, aber Hamburg ist irgendwie... gemütlicher... familiärer.
Amerika ist ungefähr so groß wie die Fläche zwischen Portugal und der russischen Grenze und wenn du überlegst, wie viele verschiedene Kulturen sich in Europa auf diesem Raum finden... Natürlich, auch in Amerika gibt es Unterschiede, so wie zwischen Norddeutschen und Süddeutschen vielleicht. Ich bin auf jeden Fall eine adaptive Europäerin. Ich genieße das mit den vielen unterschiedlichen Kulturen sehr.
HoR: Wie sieht es mit Liveauftritten aus?
S.W.: Wir haben knapp 1 1/2 Stunden Programm, das ist genau so unterschiedlich wie die Songs auf der Homepage, also alles querbeet, HipHop, Rock, die ruhigen Songs, Electropunk. Wir haben diese letzten drei Monate in Bremen und Magdeburg gespielt, zwei Mal in Hamburg und leider mussten wir einen Gig in Itzehoe absagen...
HoR: Ausgerechnet Itzehoe...
S.W.: Ah ja, dann haben wir noch einen Song, da ist so was countrymäßiges drin. Also nicht in der Art von Garth Brooks, hahaha, eher in die Richtung von Johnny Cash, so eine "lonely rolling tumbleweed" Ballade.
HoR: Outlawfeeling...
S.W.: Ich steh tierisch auf Ennio Morricone und Johnny Cash. Die letzte Platte von Johnny Cash finde ich unglaublich. Wahrscheinlich die coolste Platte der letzten zehn Jahre. Der Mann hat noch mal so Gas gegeben... und dann sterben, wow. Ich meine, der war ein alter Mann und hat viel erlebt und dann darf er das auch. Aber was er auf dieser letzten Platte noch mal gezeigt hat... Liebe, Leidenschaft... Wahnsinn.
HoR: Du hast Deine Musik nicht auf einer CD, nicht bei einer Plattenfirma und nicht im Laden, sondern "nur" als Download auf Deiner Homepage. Was ist die Idee dahinter?
S.W.: Nun, die Musikindustrie ändert sich - es reden ja alle zur Zeit darüber - und viele Plattenfirmen lassen ihre Mitarbeiter gehen (was durchaus diplomatisch ausgedrückt ist - Red.), Läden werden dichtgemacht und und und. Die können es einfach nicht mehr leisten, Platten in der bisherigen Form zu vermarkten. Das ist das Eine. Das andere ist, dass die nicht mehr in der Lage sind die Künstler zu fördern. Wir denken, dass wir in diesem Markt keine (Major) Plattenfirma brauchen, die bringen es eh nicht mehr.
Es wird sicher immer Acts geben, die eine Menge Geld bringen und manche von denen sind auch supercool, aber wir reden von "Artist development", also Künstler zu pflegen, richtig aufzubauen, Fans erarbeiten und all diese "altmodischen" Dinge, das wird nicht mehr gemacht.
Weißt Du, wir wollen "live" sein, geil sein, richtig singen, kein Playback, natürlich kann man durchaus elektronische Elemente, Loops etc., mit hineinbringen, aber es muss alles live und ehrlich sein. So erobert man Fans. Ein Video kann man immer noch machen und wir werden das sicher auch tun. Aber wir wollen zuerst eine ordentliche Basis schaffen. Uns den Arsch abspielen, alle Clubs die uns haben wollen, überall.
Grundsätzlich werden diese Downloadgeschichten die Zukunft der Musik sein. Man merkt das ja an Kazaa und iPod und all dem. Die Musikbranche redet immer, dass Downloads dem Verkauf schaden. Das glaube ich aber nicht. Ich glaube eher, dass es mit Qualität zu tun hat.
Als ich aufgewachsen bin (zur Erklärung: Sarah ist leider deutlich jünger als der Interviewer...) gab es LPs und Kassetten, keine Handys und Klingeltöne und MMS und Spiele und all das. Und deswegen machen wir das jetzt einfach über diese Downloadmöglichkeit.
Wir wollen demnächst vielleicht bei unseren Konzerten auch CDs verkaufen. Mit dem Hintergrund, die möglicherweise individuell, mit unterschiedlichen Covers zu gestalten. Zum Beispiel das Konzert in Bremen hat dann ein anderes Cover als das in Magdeburg und so weiter. Damit das so eine Art Sammlerstatus, ich finde das richtig catchy.
HoR: Du sagst also nicht, dass der physikalische Tonträger (in Form von CD) gestorben ist, sondern dass die Industrie es einfach nicht mehr gebacken kriegt, das Ding ordentlich zu verkaufen?
S.W.: Ja, so kann man das sagen. Das Ding ist doch, eine Zeit lang hat es funktioniert, die mussten nicht groß investieren, irgendwas wurde schnell heiß gemacht, schnell serviert, schnell gegessen, schnell gekauft und man hat eine Menge Geld damit verdient. Und das geht heute nicht mehr. Das liegt auch daran, dass sich wohl die Art ändert wie Menschen Musik genießen. Es wird nicht mehr so schnell und wahllos gekauft.
Die Industrie war eine ganze Weile einfach nicht mehr an Arbeit gewöhnt. Jetzt müssten sie ackern und vielleicht ein bisschen hungern und sparen und nicht mehr hin und her fliegen und es gibt Golf als Mietwagen und nicht mehr S-Klasse. Da wollen sie sich wahrscheinlich nicht runterschrauben lassen und deswegen gibt's erst mal Entlassungen und all das.
Ich habe das ja selber mit meinen eigenen Demos erlebt, die waren vielleicht nicht ganz perfekt und so, aber ich habe diese Verweigerungshaltung von denen erlebt. Da hörst du immer nur "oh, schwierig, schwierig..." und man müsste erst einen Produzenten schicken, vielleicht gleich mehrere und und und. Ich meine, das ist doch ihre Aufgabe! Denen fehlt der Blick, ein unausgereiftes Talent zu sehen, also etwas was vielleicht noch "geschliffen" werden muss. Die würden am liebsten das fertige Produkt geliefert bekommen weil es nur Geschäftsleute sind, die Künstler am liebsten wie aus einer Presswurst rausdrücken wollen, sie aber nicht "machen" und bloß nicht darauf warten, am Ende vielleicht noch ein ganzes Jahr lang... Es muss alles schnell schnell schnell gehen.
HoR: Deswegen auch diese "Superstars" und "American Idol" Castingshows...
S.W.: Am Anfang war das groß. Zuerst gab es die Medienkooperationen, was weiß ich, zuerst schickten sie die Leute zu "Unter uns" oder "GZSZ", die machten alle diese Castings mit und dann kam "Superstars". Ich glaube, die möchten das inzwischen selber nicht mehr sehen.
Ich fand es toll, dass aus so einer Castinggeschichte ein Typ wie Max entstanden ist. Einfach nur der Typ selber und ein überzeugender Song. Aber sonst...
HoR: Bietest Du die Songs nur auf der Homepage an oder auch bei anderen Plattformen?
S.W.: Nur über meine Homepage! Und das ist auch geschützt, so dass es nicht woanders angeboten werden kann. Das ist auch der einzige Weg, weil warum sollte jemand zahlen, wenn er den gleichen Song woanders umsonst bekommen könnte.
HoR: Vielleicht ist das auch eines der Probleme der Industrie. Ich habe den Eindruck, dass Musik nicht mehr als Kulturgut angesehen wird, weil die Firmen es nicht geschafft haben, diese Werte zu vermitteln
S.W.: Völlig! Das ist alles so ausgetrocknet, so arm. Musik bringt Menschen durch schwierige Zeiten. Jeder hat doch solche Phasen, wo man alle Lichter ausmacht, sich mit einem traurigen Lied und einem Bier einfach ausheulen muss. In solchen Zeiten hat man sich immer an die Musik gewendet weil sie einem ungeheuer viel Kraft gibt.
Es wird immer wieder solche Acts geben, es gibt sie auch heute. Nur sind die in der Regel heute nicht besonders bekannt, man muss sie erst finden, die werden dir heute nicht mehr ins Gesicht geschmiert.
Der Käufer will nicht mehr beleidigt werden. Andererseits bin ich immer wieder überrascht, welche Musik oftmals erfolgreich ist. Diese ganzen Ibiza-Nummern... die Leute kaufen das wie Bolle. Unglaublich.
HoR: Wenn man für Deine Musik eine Bezeichnung finden wollte, wie würdest Du es nennen?
S.W.: Crossover. Weiß nicht, vielleicht RUN D.M.C. meets AEROSMITH, Walks This Way in 2004 meets Marilyn Manson meets SUGARBABES und Britney Spears.
Ich hab noch ganz viele neue Songs, irgendwie war ich fleißiger als andere, die Songs kommen irgendwann noch alle dazu (auf die Homepage - Red.). Da sind so viele Elemente dabei, Singer/Songwriter, Punk, Pop, Electro, Funk, altmodischer Rock. Das muss noch homogen sein, ohne sich aber in eine bestimmte Richtung festzulegen.
HoR: Aber Du machst Dich damit auch ein wenig angreifbar. Man könnte sagen, dass Du ein bisschen von allem machst, um dann zu sehen was am besten geht. Also wenn zum Beispiel die Ballade gut ankommt, dann macht Sarah Walker in Zukunft nur noch Balladen...
S.W.: Oh ne, das wär ja schrecklich! Das könnte ich zwar machen, aber ich habe eine andere Vision von Musik. Es gibt so viele Sachen die als Crossover bezeichnet werden - was zum Beispiel ist alles RED HOT CHILI PEPPERS? Das ist Rock, Funk, Soul, HipHop und ganz viele andere Elemente. Das ist wahrscheinlich auch das Geheimnis von Madonna. Die Kunst ist, das alles homogen zu kriegen und das dem Produzenten zu vermitteln.
Ich bin kein angenehmer Mensch im Studio, sehr pingelig, nörgelig und penibel, ich weiß ganz genau wie etwas klingen soll und wenn das alles auf der Homepage ist, dann sollen meine Songs so etwas wie ein Gesamtkunstwerk sein.

Der aufmerksame Home of Rock Leser wird wissen, dass der Interviewer ein altbackener Rock & Roll Fan ist. Aber lasst Euch doch mal auf Sarah Walker ein. Entdeckt eine Künstlerin, die andere Wege geht und einen spannenden Musikmix bietet. Es lohnt sich!
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