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| München, Zenith, 10.12.2003 |
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Ein Konzert mit zwei Überraschungen! Lemmy hatte nämlich schwarze Cowboystiefel an anstatt seiner üblichen weißen. Ansonsten: Same procedure as every year.
Aber eines nach dem nächsten. Zwei Vorbands, wovon MUSTASCH mit grottigem Sound und durchschnittlichen Stoner-Songs nicht zu überzeugen wussten und dann die Berliner SKEW SISKIN: Nach dem ersten Song verziehe ich mich an den Bierstand, über dermaßen stocksteifen Teutonen-Metal a la WARLOCK in der Frühphase bin ich nun wirklich seit Jahrhunderten hinweg. Song zwei und drei schreddern ähnlich altbacken daher und ich hab längst einen Haken hinter Nina Simone, Jim Vox & Co. gemacht. Aber dann, ja hallo, was passiert plötzlich? Auf einmal ist da Rock & Roll und zwar von der fetten Sorte. Plötzlich kreischt Nina mit ihrer explodierten Tamara Danz-Gedächtnisfrisur nicht mehr sinnlos sondern ausgesprochen powerful und die Gitarre klingt nicht mehr wie die Feile am Gefängnisgitter beim Ausbruchsversuch sondern nach astreinem Streetrock und handfestem Rabaukenkrach. Hinweg mit Blöd-Metal, her mit - selbstverständlich durchweg geklautem - AC/DC-/LED ZEPPELIN-Sound. Das macht den Rocker froh und bringt den Biker zum rollen. Klasse Gig und ab und an schwenken sogar ein paar MOTÖRHEAD-Hardcoreler beifällig ihre Fäuste und die geworfenen Bierbecher halten sich in Grenzen. Mir ist jetzt klar, warum Lemmy diese Band in sein raues Herz geschlossen hat. Respekt!
Was zum Geier ist die Faszination an MOTÖRHEAD? Wie schafft es diese Band seit mehr als 25 Jahren, die Hallen (und zwar konstant bis wachsend) voll zu kriegen? Warum stehen bei diesen Konzerten ältere Männer in ansonsten leitender Position neben grenzdebilen Glatzen (die leider auch wieder zahlreich anwesend waren) neben Kuttenträgern neben jungen bis mitteljungen Ladies in Miniröcken neben Realschullehrern neben angegrauten Hippies neben, ja, MIR? Was eint die Überzeugungs- und Gelegenheitsrocker so, dass sie sich alle Jahre wieder dieses Soundgewitter antun? Modische Aspekte können es nicht sein, weder weiße noch schwarze Cowboystiefel sind momentan besonders angesagt, musikalische Experimentierfreude und Entdeckergeist dürfte es angesichts der immer gleichen Setlist auch nicht sein und die pure Bewunderung sensationeller technischer Fertigkeiten entfällt bei Lemmy, Mikkey Dee und Phil Campbell ebenfalls größtenteils (wobei Mikkey selbstverständlich ein wirklich guter Drummer ist - muss man deswegen aber gleich ein so ellenlanges Solo abliefern?).
Wir wissen es nicht, die scheußliche Zenith-Halle war trotzdem voll und MOTÖRHEAD sind bei Konzert #12 der laufenden Tour zwar nicht mehr wirklich frisch, aber für gute 75 Minuten Overkill langt es allemal.
Bildungspolitisch gesehen sollte der Besuch eines Heavy Metal-Konzertes für jeden Soziologiestudenten Pflicht sein. Nirgends sieht man Menschen in vergleichbarer Nibelungentreue vereint die Nationalhymne ("Heiserkeit und Jeans und Bierbauch") der Vereinigten Metallischen Prollstaaten grölen. Kein Fußballverein kann die Massen so verbrüdern wie Krach dieser Sorte. Dabei sind gerade MOTÖRHEAD ein Musterbeispiel an Primitivität, musikalischem Konservatismus und gradezu albernen Macho-Posen. Lemmy Kilmister überzeichnet diese Rollen derart absurd, dass er alleine schon deswegen Kult geworden ist. Er ist hässlich, alt, hat eine Warze, brüllt in sein viel zu hoch gehängtes Mikro wie ein Wildschwein in Todesangst, stampft zusammen mit Campbell in einer Choreographie des Schwachsinns über die Bühne und vermöbelt seinen armen Bass wie Lehrer Lämpel seine ungehörigen Schüler. Und dennoch: Wir alle haben Spaß wie am Zahltag in der Stammkneipe.
Mit Ramones (in der extra langen Version von 79 Sekunden) und God Save The Queen gibt's zwei mal Punk, außerdem die üblichen Rock'n'Roller wie Going To Brazil und ansonsten regiert König Schlagmichtot. Mehr oder weniger alle Klassiker bollern daher, doch so richtig mag der Funke nicht überspringen. Das Volk jubelt zwar, aber irgendwie scheint es eher ein geschäftsmäßiges Abhandeln altgewohnter Rituale zu sein. Lemmy ist's egal, er kommuniziert relativ viel und handelt das Konzert ansonsten genau so ab wie all die vielen anderen in den letzten 28 Jahren. "We are Motörhead and we play Rock & Roll".
Ich habe MOTÖRHEAD am 03.03.1980 im Münchner Schwabingerbräu erstmals live gesehen. Es war grausam. Am 10.12.2003 ist es nicht weniger grausam, aber inzwischen kann ich mit diesem banalen, stupiden Alarm gut leben. Man muss nicht immer den Sinn und Zweck hinter allem suchen. Manchmal reicht die einfache Bereitschaft, sich für ein paar Stunden aus dem tagtäglichen Wahnsinn auszuklinken. Sogar der dämlichste Hans Doof mit "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein"-Aufnäher kapiert nämlich, wenn Lemmy sagt: "Werft keine Bierbecher auf die Bühne, Motherfucker, und der nächste Song heißt Ace Of Spades". Lang lebe Rock & Roll und MOTÖRHEAD!
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