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Saint Lu

München, Ampere, 11.05.2010

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Ampere, München
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Unser Disclaimer
München, Ampere, 11.05.2010

Gitarre: "Guitar Hero" auf Profilevel, allerdings fliegt der Spieler immer mal wieder nach 30 Sekunden raus.
Bass: Absoluter Schwiegermutterliebling, Typ "Thomas Helmer" (war mal ein prima Fußballer).
Keyboards: Womöglich gut, leider unhörbar. Spielt eine Orgel, die älter als er selbst ist. Ausbaufähig.
Schlagzeug: Spielt gerne mit heraushängender Zunge. Klingt auch so.
Gesang (akustisch): Göttlich. Rock-Power auf allerhöchstem Niveau.
Gesang (optisch): Göttlich. Erotik-, Sympathie-, Bewegungs- und Schauspielkoeffizient jenseits der nach oben offenen Anna-Mae-Bullock-Skala.

Saint Lu im vollen Münchner "Ampere", dem angenehmen Club hinter dem historischen Müllerschen Volksbad, zwischen Isar und Auer Mühlbach in der Nähe von Gasteig und Deutschem Museum gelegen. Schön ist es hier.
Das erste Album komplett durchgespielt, dazu ein paar weitere, vermutlich neue Songs und in der Zugabe ein Cover des wunderschönen und dennoch beinahe vergessenen Stuck In The Middle With You von STEALERS WHEEL. Insgesamt knapp 90 Minuten ohne Exzesse und in gemäßigter Lautstärke.

Das Problem der so spektakulären Sängerin ist ihre Band. Nette Jungs zweifellos, aber hoffnungslos überfordert von der Wucht der Frontfrau. Selten hat man eine ähnliche Diskrepanz zwischen Band und Gesang erlebt, womöglich ging es Janis Joplin 1969 mit der kurzlebigen KOZMIC BLUES BAND ähnlich, die den Gig beim Woodstock Festival ziemlich ruinierte. Dieses Schicksal sollte sich Lu ersparen und schnellstens eine FULL TILT BOOGIE Band zusammenstellen, die ihr ordentlich Feuer von hinten macht, denn mit der jetzigen Besetzung ist es genau andersrum: Sängerin hetzt Band, Band wirkt zunehmend verzweifelt, Konzert wird zur One-Woman-Show.
Der "blonde Engel" (O-Ton einer ganz und gar unblonden Künstlerin vor der Bühne) erscheint auf der Bühne, blickt mit leicht verschleiertem Blick ins Publikum, lächelt betörend und legt los wie jemand, den man gemeinhin als "Rockröhre" bezeichnet. Solche Bezeichnungen sind zwar grausam doof, aber bei Saint Lu kommt man irgendwann nicht mehr darum herum, zu mächtig ist die Stimme. Die kann man auch von CD genießen, live kommt aber noch die aufregende Präsenz der beinahe ungeschminkten Schönheit hinzu: fliegende Haare, Handbewegungen wie vom jungen Joe Cocker, nicht erlernbare Tanzschritte aus der tiefen schwarzen Seele einer leidenschaftlichen Sängerin, Hüpfeinlagen wie bei einem Pogo-Konzert, es ist ein Augenschmaus. Und immer wieder diese Haare. Wer jemals Robert Plant vor 1973 gesehen hat (es gibt einschlägige DVDs, man muss also nicht so alt sein), hat ähnliches erlebt. Man darf die Performance saugeil finden, ohne auch nur im Geringsten sexistisch zu sein, die gelernte Schauspielerin ohne Abschluss macht das alles freiwillig. Rock & Roll gewordener Exhibitionismus sozusagen.
Dem verschleierten Blick folgt oft genug ein stahlhart provozierender, dem einpeitschenden Auftritt als Frontsau (das sagt man bei Männern auch, also haltet die gleichgestellten Füße ruhig) folgt ein schüchtern hingehauchtes "Danke". Der Wechsel zwischen kleinem Mädel, Hammerfrau und künftiger Stadion-Vorsängerin ist fließend, das macht einen Saint Lu Auftritt zu etwas Besonderem. Aber wie gesagt, der Sprung vor ein größeres Publikum wird mit dieser Band nicht gelingen. Immer wenn die Chefin sich daran macht zum Beispiel Chris Robinson von den BLACK CROWES in Grund und Boden zu singen, kackt hinten die Kapelle ab. Da ist kein Jam zu hören, höchstens eine Art "Jammen nach Zahlen", feinsäuberlich abgezählt und durchnummeriert, allerdings ohne spürbaren Groove und schon gar nicht mit solistischen Großtaten. Und einen richtigen Drecksackboogie können sie auch nicht, da stehen wohl eine akademische Ausbildung und die gute Erziehung vor.

Zwei Bands schweben dem Betrachter als passende Begleiter für die nächste Tour vor: OHRENFEINDT, weil Chris Laut und seine Gang Rock'n'Roll-Tiere sind, oder W.I.N.D. aus Italien, weil Fabio Drusin ein erfahrener Backing-Musiker ist und mit W.I.N.D. jedes Publikum anzünden kann. Man stelle sich den Großbrand zusammen mit dieser Wahnsinnssängerin vor. Auf dem kommenden W.I.N.D.-Album "Walkin' In A New Direction" ist eine Version von Steve Marriotts Funky To The Bone zu hören, da darf man aus Gesundheitsgründen eigentlich nur hoffen, dass Saint Lu niemals mit einer Band dieser Güteklasse solche Lieder spielt. Oder doch?
Bis dahin bekommt man nur eine bezaubernde Gesangsvorführung ohne Input einer richtigen Rockband geboten, selbst beim eigentlich so simpel zu spielenden Folk-Pop Klassiker Stuck In The Middle With You passiert an der Gitarre und den anderen Instrumenten nichts. Kein Soul, kein Groove, kein Blues und nicht mal ein Anflug von Westcoast-Leichtigkeit.
Das geht für diesmal noch durch, weil Lu ein Naturereignis ist. Aber bei der nächsten Tour muss mehr kommen.

Fred Schmidtlein, (Impressum, Artikelliste), 12.05.2010

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