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| München, Georg Elser Halle, 12.05.2007 |
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Es geht offenbar nur noch so. Schade, aber wohl unvermeidlich.
Die Bastelanleitung: Gründe eine Band, sei fleißig und laut, provoziere mit allen gängigen Reizworten deine Umgebung, nimm so viel ungesundes Zeug wie nur irgend möglich zu dir, bleibe trotzdem am Leben, halte 15 und mehr Jahre durch und such dir derweil einen devoten Fanclub der mindestens so großsprecherisch wie du selbst daherkommt. Kleinigkeiten am Rande: Der Bandname muss weltweit ein Dorn im Bein aller Spießer sein, der Fanclub sollte so ähnlich heißen und ebenfalls mit allen wichtigen Sprachen kompatibel, deine Musik sollte derb und massentauglich sein. Also kommerziell im allerpositivsten Sinne (bei Interviews immer ausdrücklich zu erwähnen).
Ein Beispiel für den Nachbau: Nenne deine Band TURBONEGRO und den Fanclub TURBOJUGEND, beachte die oben genannten Dinge und werde dick, reich und ziemlich berühmt. Irgendwann bist du so reich und berühmt, dass du Journalisten Interviews über 5 (!) Minuten anbieten kannst. Und du bist so dick, dass du deinen Fettwanst in voller Pracht und ganz ohne T-Shirt ins Publikum hängen kannst und das hübsche Mädel in der dritten Reihe trotzdem Lust auf dich bekommt. Und nicht zu vergessen, wenn du nun schon ein Rockstar bist, dann gib deinen Vorgruppen den denkbar allermiesesten Sound und lass sie spüren, dass DU der Star bist und sie nur die Lakaien.
Noch ein letzter Tipp für die Öffentlichkeitsarbeit. Vergiss nie zu erwähnen, dass du bis auf die Knochen Punk bist, heute mehr als je zuvor.
Wenn alles nach Plan verläuft, wirst du irgendwann im fortgeschrittenen Alter Mini-Tourneen mit fünf Konzerten machen und dabei ansehnliche 1.500er-Hallen ausverkaufen. Und zwar mit Leuten, die zu zwei Dritteln mit deinen Insignien geschmückt sind. Also Turbojungend-Shirt, -Jacke und lustiges -Seemannskäppi. Die reisen dann in vielen Bussen von überall her an und kommen schon mächtig "vorgeglüht" zum Venue. Der eine oder andere erlebt das Konzert nicht mehr, weil er stockvoll in einer Ecke liegt, aber der große Teil jubelt und trubelt sich durchs Event. Sogar die Vorgruppe wird brav beklatscht, auch wenn das Liedgut nicht hör- und identifizierbar ist.
BOOZED wurden für die Tour als Support auserkoren und brave Home-of-Rock-Leser haben sich sicher darauf gefreut. Aber was dann 40 Minuten folgt, ist eine Riesenenttäuschung. Und zwar genau aus einem Grund: Man konnte nichts hören. Und das was man hören konnte, fiel etwa so geschmeidig wie Calli Calmund vom 10-Meter-Brett auf den Hallenboden herab. Es kommt heutzutage nicht mehr so oft vor, dass eine Vorband mit so unsäglichem Sound auf die Bühne geschickt wird, doch das war hinten scheiße, vorne scheiße und in der Mitte auch. Hoffentlich war es vor gut 4 Wochen beim Headlinergig im Münchner Backstage besser. Wenn solches Verhalten zum TURBONEGRO-Konzept gehört, herzlichen Glückwunsch. Andernfalls sollte man den Soundmann umgehend entlassen.
Dabei machen die Jungs wirklich was her. Schauen gut aus, posen wie gelernt, schuften sich richtiggehend den Arsch ab, haben einen Stall cooler Songs, hauen derer auch etliche brandneue raus und Marvin hat sogar eine wunderschöne Doppelläufige dabei. Vielleicht sind ein paar Nummern eine Winzigkeit zu schnell gespielt, genau kann man es aufgrund der nicht vorhandenen Akustik nicht sagen, aber eines ist sicher: mit anderem Sound hätten die Niedersachsen abgeräumt wie nix. So war's nix.
Miserable Bedingungen für Vorbands gehen meist auf die Kappe der Headliner, entsprechend senkt sich der Sympathielevel des neutralen Beobachters deutlich und spätestens beim glockenklaren und schier Prog-kompatiblen Klang des TURBONEGRO-Opener We're Gonna Drop The Atom Bomb ist er im Keller. Männer, 25 Euro für ein Ticket ist ein fairer Kurs, aber die Anheizer so zu ficken ist unverschämt. Denen gegenüber und auch dem Kunden, weil der sich unter Umständen für genau diese Kapelle interessiert. Aber nur vorher, hinterher hat die Band den Stempel "Güteklasse B" auf dem Allerwertesten.
Anyway, We're Gonna Drop The Atom Bomb ist vom kommenden Album "Retox" und unterscheidet sich wie dieses insgesamt kaum vom bisher gekannten Krach der Turboneger. Hank Von Helvete gewandet sich in eine U.S.-Flagge mit nichts darunter und schwingt einen Gehstock aus dem Furnier-Winterschlussverkauf zur Billigschminke im Gesicht, Pamparius hat hinter seinen Keyboards einen grenzdebilen Stahlhelm auf und Euroboy eine fragwürdige Offiziersmütze. Sooo viel Provokation auf einmal ist kaum auszuhalten.
Wie gesagt, Ton und Licht sind nun perfekt, man versteht die Ansagen, durchaus witzig übrigens, man hört die Fehler, durchaus mehrere übrigens, man kommt ins Hüpfen.
Schon nach einem Song wird es den Kopfbedeckungsträgern zu warm unterm Pony, weg damit, und das war es dann auch schon an Bühnenshow. Bis zum Ende agiert im Grunde nur noch der adipöse Schreihals und macht das auch richtig vergnüglich. Was sich dem Außenstehenden allerdings nicht erschließt ist die Massenhysterie um diese Band. Gut, Rock & Roll muss simpel sein und auf die Zwölf hauen, aber mindestens 10 andere Bands machen das derzeit mindestens genau so effektiv wie TURBONEGRO. Knaller wie Blow Me (Like The Wind) oder Fuck The World machen ohne Frage Laune, irgendwie anders oder besser als die anderen Besseren des Genres sind die Turbos nicht. Punktum. Hier wie dort wird wild geklaut, mal bei KISS, ALICE COOPER, MOTÖRHEAD oder AC/DC, mal eben bei den RAMONES oder SEX PISTOLS. Und wo liegt nun die Einzigartigkeit von TURBONEGRO? In der Fanbase. Stimmvieh sichert langfristig das Überleben.
45 Minuten lang geht die Gaudi gut, dann macht sich gelinde Langeweile breit (45 Minuten ist übrigens die übliche Laufzeit der CDs dieser Band, deshalb funktionieren sie auch so gut, die neue Scheibe ist etwas kürzer und funktioniert noch besser). Als gruppendynamisches Gemeinschaftserlebnis mit zig anderen betrunkenen Kumpels kann man davon gerne 2 Stunden überstehen, als "normaler" Konzertbesucher würde man sich über etwas Abwechslung und gefühltes/eingebildetes Rock'n'Roll-Niveau freuen. Unterm Strich bieten TURBONEGRO einfach nur stinknormalen Schweinerock, auch wenn sie es Deathpunk nennen.
Glücklich, wer nach so einem Konzert noch I Got Erection sagen kann. Die Bierleichen sicher nicht, eher schon der Zahlmeister.
P.S.: Keine Bilder, weil kein Fotograf verfügbar. Der Schreiber hat alle Hände voll zu tun mit Bier und Kippe.
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